Hintergrundstrukturen

Die vertikale Gesellschaft

 

Das Phänomen der Stadt, in der sich vornehmlich die vertikale Gesellschaft verwirklicht, gab es bekanntlich schon in der Antike. Wenn wir auch ungefähr wissen, was wir darunter verstehen, so haben wir doch einige Mühe, es exakter zu definieren. Es kommt hier eine ganze Gruppe von Eigenschaften zusammen, die gemeinsam das Gesamt­phänomen ausmachen, jedoch alle für sich auch im besonderen Fall verzichtbar sein können. Das ins Auge springende Kriterium der Ummauerung historischer Städte stimmte schon zu eben dieser Zeit nicht, an die wir dabei denken, denn es gab immer auch schon Städte ohne Mauern. Wenn wir andererseits an eine Anhäufung von Wohngebäuden denken, so trifft das auch für künstlich errichtete Lager zu, denen aber alle sonstigen städtischen Kriterien fehlen können. Auch der Markt ist nicht unbedingt ein notwendiges Kriterium, denn es gab immer auch schon Städte oder stadtähnliche Gebilde, in denen lediglich produziert oder konsumiert wurde. Wenn uns also alle Bestimmungen im Stich lassen, die sich an bestimmten konkreten Entsprechungen orientieren, so scheint aber andererseits eine archetypische Bestimmung sehr hilfreich zu sein: man könnte nämlich sagen, daß unter Städten eine „durch eine vertikal organisierte Gesellschaft bestimmte komplexe bauliche Struktur“ verstanden werden kann. Wenn wir von dieser Definition ausgehen, so gelangen wir zu all jenen konkreten Entsprechungen, die für uns bei einem bestimmten Häufungsgrad das Wesen der Stadt ausmachen, ohne aber jeweils alle zusammen gegeben sein zu müssen. Auf der anderen Seite schließen wir dabei alle komplexen baulichen Strukturen aus, die noch von einer horizontalen Gesellschaft bestimmt sind, wie es etwa wilde Wucherungen sein können, die allerdings in der Regel nur als Slums moderner Großstädte entstehen oder die es im „Wil­den Westen“ als Goldgräberstädte gegeben hat und die in diesem Fall weitgehend durch eine fast anarchische Gesellschaft bestimmt waren: eben deshalb konnten sie nicht wirklich als Städte und auch noch nicht einmal als Dörfer bezeichnet werden. Andererseits können wir solche Gebilde eigentlich auch nicht dem zuordnen, was wir unter einer gesunden horizontalen Struktur verstehen.

Die hauptsächlichen Entsprechungen, die wir mit der Vorstellung einer Stadt verbinden (die aber eben im Einzelfall auch fehlen können), sind folgende:

  • Eine einigermaßen feste bauliche Struktur, die über eine rein additive Anhäufung hinausgeht und auch Bauten für besondere Gemeinschaftszwecke beinhaltet. Steinhäuser sind dabei allerdings nicht zwingend, denn es genügen auch Holzhäuser. Es muß aber offensichtlich eine gewisse Statik gegeben sein, die einer allzu schnellen Veränderung der Struktur entgegenwirkt. Eine reine Zeltstadt, die auch über Nacht abgebrochen werden könnte, kann es demnach im Sinne des Stadt-Begriffes nicht geben.
  • Ein lebendiger Markt, dem normalerweise ein Marktplatz entspricht - sowie die damit verbundene Geldwirtschaft. Die Verbindung von Geld und Vertikalität ist immer auffällig.
  • Eine hierarchische, vertikale Gesellschaftsordnung, an deren Spitze üblicherweise ein Bürgermeister steht.
  • Ein die Bürger verbindendes gemeinsames Identitätsbewußtsein, das früher zumeist seinen sichtbaren baulichen Ausdruck in einer Stadtmauer fand, die vor allem die Aufgabe der militärischen Verteidigung hatte.
  • Eine gemeinsame Verfassung und eine gemeinsame Kasse für bestimmte gemeinsame Ausgaben.
  • Eine vertikale Architektur (!!!)
  • Ein bestimmtes geistiges Klima, das die Faszination der Stadt für ihre Bewohner und Außenstehende ausmacht. Damit in Verbindung steht üblicherweise eine bestimmte Stadtgeschichte.
  • Eine wirtschaftliche Beziehung zum agrarischen Umland.

Eine Stadt ist demnach ein soziologischer und baulicher Organismus mit diversen Einzelorganen, die zu einem gemeinsamen Zweck zusammengeschlossen sind. Dieser Organismus muß als solcher eine gewisse Selbstidentität, d.h. eine eigene Kollektivseele, haben. Während wir eigentlich dazu neigen, die Stadt für ein objektives äußeres Faktum zu halten, aus dem erst Bewußtseinsqualitäten erwachsen, scheint es in Wirklichkeit eher umgekehrt zu sein - d.h. eine Stadt ist in erster Linie ein geistiges bzw. kulturelles Phänomen, aus dem sich erst nachrangig materielle Dinge ergeben, die allerdings dann in Wechselwirkung zu den atmosphärischen Dingen treten. Es sieht nach allem bemerkenswerter Weise so aus – und unterstützt damit unsere Gesamtargumentation -, daß sich das Wesen einer Stadt nicht anders definieren läßt als unter Zuhilfenahme archetypischer bzw. organischer Bestimmungen. Eine rein kausale Bestimmung ist nicht möglich.

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