Hintergrundstrukturen

 

 

Die horizontale und die vertikale Struktur

 

In allen Gesellschaften finden wir zwei grundsätzlich gegensätzliche Ordnungsstrukturen, die die Beziehungen der Menschen untereinander und ihre jeweilige Stellung in der Gemeinschaft bestimmen: die horizontale und die vertikale Struktur. Horizontal ist etwa die Ordnung innerhalb einer Familie, vertikal ist eine Stände- oder Klassengesellschaft. Zwar gibt es auch innerhalb einer Familie eine vertikale Ordnung, die etwa die hervorgehobene Stellung des Familienoberhauptes festlegt, doch hat das eine familiäre Basis: der Vater etwa ist nicht grundsätzlich etwas anderes, sondern seine Besonderheit beruht lediglich auf seiner besonderen Situation in einer patriarchalischen Gesellschaft. Auch die Söhne können eines Tages zu Familienoberhäuptern werden, und die Frauen besetzen - ggf. nur auf subtile Weise und vielleicht auch nur funktionsbedingt - in einem anderen Sinne ebenfalls hervorgehobene Positionen. Die jeweilige Position muß zudem auch immer moralisch gerechtfertigt werden; sie kann niemals erstarren, sonst verliert die Gemeinschaft ihren familiären Charakter. Es gibt auch Gemeinschaften, in denen eine solche Ordnung den Rahmen einer Kleinfamilie aus direkten Blutsverwandten überschreitet und sich etwa auf eine ganze Dorf- oder Stammesgemeinschaft erstreckt, wie es bei Naturvölkern üblich ist. Solche Gemeinschaften nennen wir horizontal strukturiert, weil es in ihnen grundsätzlich keine äußerlich begründete Hierarchie gibt. Es gibt sicher auch in diesen Gemeinschaften unterschiedliche Wertschätzungen, die die einzelnen Mitglieder genießen, aber die beziehen sich vornehmlich auf qualitative Gesichtspunkte, also auf solche moralischer und geistiger Art. Davon abgesehen kann es natürlich auch Familientyrannen geben, aber deren Stellung ruht auf einem unsicheren Fundament, das sie gewissermaßen nur vorübergehend usurpiert haben. Irgendwann kann es kippen, wenn der Bogen überspannt wird: die anderen tolerieren dann eine solche Stellung nur aus Gewohnheit oder weil es ihnen noch nicht eingefallen ist, zu opponieren. Sie könnten es aber theoretisch, denn die jeweiligen Stellungen sind noch nicht generationsübergreifend gefestigt. Prinzipiell sind in einer solchen Gemeinschaft alle Glieder gleichrangig, und ihre jeweilige hervorgehobene Position besteht nur situationsbedingt und auf Zeit: sie ist den einzelnen praktisch nur geliehen und beruht insofern nur auf der Akzeptanz der anderen. Sie kann auch mit keinem Machtapparat gegen die anderen aufrechterhalten werden.

Diesem Ordnungsprinzip steht die vertikale Struktur diametral gegenüber. In einer vertikalen Gesellschaft sind die Rangstufen streng festgelegt und generationsübergreifend gefestigt. Es gibt verschiedene Klassen und Schichten. Das scheint auch etwas mit der Größe einer Gemeinschaft zu tun zu haben, denn während in einer horizontalen Gesellschaft alle Mitglieder sich gegenseitig im Auge haben, um ihr jeweiliges Verhalten zu beobachten und zu bewerten, was eine zahlenmäßige Überschaubarkeit bedingt, ist das in einer vertikalen Gesellschaft nicht möglich und auch unerwünscht. Eine vertikale Gesellschaft ist zumindest insofern größenmäßig unbeschränkt. Die qualitätsorientierte weicht einer quantitätsorientierten Beziehungs­struktur. Insofern auch hier Qualitäten eine Rolle spielen, werden sie immer in irgendeiner Weise in Quantitäten umgewandelt. Gewisse Qualitäten etwa kultureller Art werden allerdings durch eine solche Ordnung erst möglich, aber sie stehen dabei stets im Schatten quantitativer Bewertungen. Nur die Reichen und Mächtigen dieser Gesellschaft können sich auf dem Rücken der anderen die Entfaltung der höheren kulturellen Errungenschaften überhaupt leisten, doch sie stehen dabei stets in der Gefahr der Verweltlichung. Ihre Positionen dienen selbst dann, wenn sie religiös motiviert sind, zugleich auch der gesellschaftlichen Absicherung etwa des Priesterstandes oder des weltlichen Herrschers. Dagegen sind horizontale Gesellschaften stets in irgendeiner Weise religiös orientiert, und seien sie auch nur animistisch, denn eine Orientierung an einer übergeordneten Macht braucht jede Gemeinschaft, weil sie sonst jeden Halt verliert. In den vertikalen Gesellschaften treten aber immer die Vertreter der Macht, des Klerus oder des Adels, an die Stelle der Götter, wenn auch zunächst nur in deren Vertretung und unter Bezug auf diese; doch kann sich dieser Bezug später immer mehr auflösen und in total materialistischen Gesellschaften sogar ganz verschwinden. In diesem Falle hätte sich in unserer Terminologie die (mit dem ethischen und Staatsprinzip identische) Vertikalachse „manifestiert“, was zugleich bedeutet, daß sie unperspektivisch werden kann, weil sie an sich selbst rückgekoppelt ist: sie ist bedeutsam und mächtig, weil sie bedeutsam und mächtig ist, sie ist verfestigt und erstarrt. Die Gesellschaft ist dann zunehmend an ihre eigenen Grundannahmen rückgekoppelt. Das einzelne Mitglied dieser Gesellschaft steht unter der Ordnung und Weisung der Obrigkeit, der es unter Umständen blind folgt, während das Mitglied einer horizontalen Gesellschaft immer in der Lage und aufgefordert ist, die Weisungen der Stammeshäuptlinge an seinem eigenen Gewissen zu überprüfen.

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