Hintergrundstrukturen

 

 

Der archetypische Kugelwürfel

 

 

Der Kugelwrfel

 
  Knigspaar Und Taube B
 
Wenn wir beisammensitzen und die Pfeife rauchen, bilden wir einen Kreis, der ohne Ende ist und alles umschließt, was auf der Erde lebt. (Lame Deer.)
 
Mein Großvater wies mir den Weg nach Osten, um mir die Kraft des Bären zu geben,
Nach Norden, um mir den Mut des Adlers zu geben;
Nach Westen, um mir die Weisheit der Eule zu geben;
Nach Süden, um mir die Schlauheit des Fuchses zu geben;
Zur Erde, damit sie mir ihre Früchte schenke;
Zum Himmel, damit ich ein gutes Leben führe. Alonzo Lopez.
 

Die archetypische Grundstruktur des Universums, die in der obigen Abbildung wiedergegeben ist und die in allen archaischen Kulturen und in der abendländischen Mystik thematisiert wird (bzw. sich als Quintessenz aus verschiedenen sich gegenseitig überlagernden Motiven ableiten läßt), ist vor allem durch das universale Raumkreuz gekennzeichnet, das aus den drei räumlichen Grundkoordinaten besteht. Dabei entspricht die Vertikal­achse dem schamanischen Weltenbaum - auch im babylonischen Turm oder im Merkurstab symbolisiert -, dessen höchster Punkt (Exponent) der Zenit und dessen tiefster Punkt (Exponent) der Nadir ist. Er verbindet somit Ober - und Unterwelt und durchstößt die Horizontal­ebene der irdischen Welt im schamanischen Weltmittelpunkt, in dem er sich mit den beiden Horizontalko­ordinaten schneidet - der Ostwest-Achse und der Nordsüd-Achse. Norden, Osten, Süden und Westen stellen dabei die horizontalen Exponenten dar und spielen z.B. in der Mythologie der Indianer als die Vier Winde eine zentrale Rolle. Wir haben somit insgesamt sechs Hauptexponenten, durch die wir an die Weltkugel, die durch die drei Achsen in insgesamt acht Sektoren aufgeteilt wird, jeweils eine sie dort tangierende Ebene legen können, wodurch wir den in unserer Abbildung dargestellten Würfel erhalten. Damit haben wir eine universale Polarität, die uns überall in der Welt wiederbe­gegnet. Es ist das Prinzip des Geistes, dargestellt durch die Kugel, und das Prinzip der Materie, dargestellt durch den umgreifenden Würfel. Es gibt demnach ein qualitativ-geistig-horizontal-rundes Prinzip im Gegensatz zu einem quantitativ-materiell-verti­kal-qua­dratischen Prinzip. Die ganze Welt und alle uns begegnenden Erscheinungen lassen sich auf diese Weise gliedern[1]. Das so gegebene universale Raumkreuz mit den insgesamt sechs Exponenten und ihrem Schnittpunkt in der Weltmitte taucht in der Mythologie fast aller Naturvölker auf. Der Mittelpunkt der Welt hat dabei eine besondere Bedeutung. Bei den Zuni-Indianern etwa bestand der Glaube, daß ihr Volk den besonderen Auftrag der Götter hatte, nach diesem Welt-Mittelpunkt zu suchen. Diese Vorstellung hatte sich bei ihnen offenbar nicht auf positive, sondern auf negative Weise gebildet - das heißt durch negative Erfahrungen. Denn stets, wenn sie sich an irgendeinem Ort niederließen, wurden ihre Dörfer durch ein Unglück zerstört und sie selbst dadurch zum Weiterziehen gezwungen. Ihr Ort war demnach nicht von dieser Welt. Sam D. Gill[2]:

Der esoterische oder zeremonielle Name der Stadt Zuni ist Itiwana, was so viel wie „die Mitte“ heißt. Ganz im Mittelpunkt wurden die heiligen Gegenstände der Regenpriester in einem Schrein verwahrt, an einem Ort also, der genau die Mitte der Welt bezeichnet. In der Vorstellung der Zuni ist ihre Welt eine große, auf allen Seiten von Wasser umgebene Erdinsel. Seen und Quellen auf dieser Insel führen zu einem unterirdischen Wassersystem, durch das die Ozeane miteinander verbunden sind... Die Zuni sind der Meinung, daß ihr Dorf die eigentliche Ordnung des Kosmos spiegelt, deren Grundform auf sieben Punkte ausgerichtet ist - die vier Himmelsrichtungen, den Zenit, den Nadir und das Zentrum. Es ist jedoch anzumerken, daß in der heutigen Zuni-Siedlung diese Entsprechung eine gedankliche und keine physische ist... Die Clans der Zuni sind in sieben Gruppen organisiert. Jeder Gruppe, insbesondere jenen, die mit den Him­melsrichtungen übereinstimmen, eignen Unterscheidungsmerkmale und soziale Rollen, die zeitlich und räumlich in Verbindung mit dem jeweiligen Ort definiert sind. So haben beispielsweise die Kranich-, Waldhuhn- und Immergrün-Eichen-Clans ihren Sitz im Norden, sind also verbunden mit dem Winter und mit Gelb, der Farbe des winterlichen Morgen- und Abendlichts wie auch der des Nordlichts... Dieser Bereich steht in Beziehung zu allen Tätigkeiten, in deren Mittelpunkt Krieg und Zerstörung stehen. Die anderen Himmelsrichtungen folgen diesem Beziehungsmuster... Auf der Grundlage dieser sehr einfachen Einführung in eine Ordnung, die de facto vielschichtig und wesentlich komplexer ist, können wir die Bedeutung des Mittelpunktes ins Auge fassen... Diesen Mittelpunkt erkennt man nur mit dem Herzen, dem Sitz des Lebens, dem heiligsten Lebensspender. Folglich ist der Mittelpunkt zugleich der eingeschlossene heilige Ort, das Dorf (dessen Name „Mit­telpunkt“ bedeutet) und der Kosmos als Ganzes... Vom Standpunkt der Ursprungs- und Wandermythen der Zuni ist der Mittelpunkt der Ort, der Leben ermöglicht, im Gegensatz zu jenen Orten, die unerträglich sind oder wo kein Leben existieren kann... Wir können auch verstehen, warum für die Zuni der Wert des menschlichen Lebens bestimmt und gewogen wird durch seine Ausrichtung in Zeit und Raum.

Vier Winde 2

Zur Bedeutung der vier Himmelsrichtungen halten wir also fest, daß der Nordexponent hier mit Krieg und Zerstörung in Verbindung gebracht wird. Ebenso haben auch die drei anderen Exponenten der Horizontalebene eine bestimmte Bedeutung, deren Wesensmerkmale in der Mythologie aller Völker nahezu einheitlich sind, wenn sie auch jeweils anders bewertet werden. So wird bei einem kriegerischen Volk der symbolische Norden sicher anders bewertet als bei einem friedlichen, während aber die Interpretation selbst dadurch nur bestätigt wird. Der Nordexponent steht natürlich auch mit den nordischen Völkern und deren Mentalität in Verbindung, auf die der aggressive Geist der modernen Industriegesellschaft zurückgeht. In der Tat läßt sich nachweisen, daß dieser überall nordisch-germa­ni­sche Wurzeln hat, denn auch Goten, Normannen, Angelsachsen und Lango­barden (Norditali­en: Lombardei!) sind Germanen. Um zu vermeiden, daß diese Bedeutung zu einseitig gesehen wird, können wir statt „Aggressivität“ auch Begriffe wie „Zielgerichtetheit“ oder „Initiative“ verwenden. Es handelt sich dabei nämlich um elementare konstituierende Kräfte des Universums, die also keineswegs nur eine zerstö­rerische Funktion haben. Sie entspre­chen dem männlichen gegenüber dem weiblichen Prinzip, das wir dem Süden zuordnen.

 

 

Der Woodoo

Die Kenntnis der in diesem Artikel dargestellten universalen Struktur des „geistigen Universums“ spielt auch im Woodoo eine wichtige Rolle und wird dort gezielt zu magischen Zwecken benutzt. Dabei erhebt sich die Frage, woher nahezu alle Naturvölker diese stets prinzipiell gleichen Kenntnisse besitzen. Es gibt scheinbar soetwas wie einen unterbewußten Kosmopolitismus der Naturvölker, bei denen wir überall die gleichen Motive wiederfinden, die auch noch in der abendländischen Mystik eine wichtige Rolle spielten. Als sich auf Haiti zum ersten Mal entlaufene schwarze Sklaven und vor den Weißen in die Berge geflüchtete Indianer begegneten, stellten sie verwundert fest, daß in ihrer Mythologie verschiedene Motive völlig identisch waren. Der so entstandene haitianische Woodoo läßt sich deshalb als eine Synthese dieser beiden Einflüsse verstehen. Der Petrokult hat dabei indianische Wurzeln, darf aber nicht im gleichen „Perystil“ - der Zeremonialfläche - durchgeführt werden, und es dürfen auch keineswegs die gleichen Trommeln zur Anrufung nichtvereinbarer Götter und Geister verwendet werden. Der Unterschied zwischen Religion und Magie liegt darin, daß in der Magie die Geister nicht um persönliche und allgemeine Führung gebeten werden, sondern darum, bei der Erfüllung bestimmter diesseitiger Zwecke zu helfen - sogar bekanntlich auch zu Schadenszwecken. Die über allem waltende Macht der Götter und Geister wird dadurch gebündelt und auf ein bestimmtes Ziel gerichtet. Statt den Menschen an das Jenseits zu binden und ihn der höheren Führung anzuvertrauen, also das Diesseits zu transzendieren, wird umgekehrt die jenseitige Welt in das Diesseits und dessen niedere und egoistische Zwecke hineingezogen. Die Petro-Loas werden aber nur dann angerufen, wenn zu bestimmten als notwendig erachteten Zwecken magische Praktiken ausgeführt werden sollen; dabei werden diese aber wie gesagt sehr strikt von den Raga-Praktiken afrikanischen Ursprungs getrennt, so daß spezifisch religiöse und magische Motive sich nicht vermengen können. Zum Petro-Kult gehört besonders die Gottheit Baron Samedi, der Herr der Friedhöfe, der in direkter Beziehung zur Magie und den berüchtigten Zombie-Praktiken steht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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