Das Universum

   
   

Ist das Universum unendlich groß?

(Siehe auch den ergänzenden Essay 'Das Raum-Zeit-Paradoxon')

 

 

Es ist fraglich, ob es eine Außenwelt, das ‚objektive Universum’, tatsächlich gibt. Dann aber ist zu fragen, wovon die Naturwissenschaft eigentlich redet. Noch in den 1920er Jahren gab es für den praktisch forschenden Naturwissenschaftler kaum einen Anlaß zu dieser Frage…. Es galt als selbstverständlich, daß die Naturwissenschaft die absoluten, ewig unwandelbaren und vom Bewußtsein gänzlich unabhängigen Naturgesetze ‚aufdeckt’. Mit Newtons Mechanik und den von Maxwell entwickelten Gesetzen des Elektromagnetismus befand man sich, so meinte man, auf dem richtigen Weg zu einer vollständigen Erklärung von allem… Als in den zwanziger Jahren die Paradoxien der Quantenmechanik auftauchten, wurde aber fraglich, ob eine Beschreibung der Wirklichkeit überhaupt möglich sei. (Jeremy Hayward: Die Erforschung der Innenwelt.)

Ich beziehe mich im folgenden exemplarisch vornehmlich auf ein derzeitig im Buchhandel erhältliches populärwissenschaftliches Buch zum momentanen Erkenntnisstand der Astronomie.[1] Ich könnte ebenso gut auch andere zitieren, aber es ist vielleicht gut, sich dabei nicht unnötig zu verzetteln und sich pars pro toto auf eines zu beschränken, in dem von einem ausgewiesenen Fachmann (der Autor ist Astronom) der derzeitige Stand zusammengefaßt wird. Da dieser nämlich darin trotz des interessant klingenden Titels ("Kann das alles Zufall sein?") offensichtlich weniger seine oder anderer neue Theorien als vielmehr kompilatorisch nur das wiedergibt, was man derzeitig so oder so ähnlich in allen populärwissenschaftlichen Astronomiebüchern nachlesen kann, eignet es sich insofern besonders als Zitatenschatz. Meine kritische Stellungnahme trifft also weniger dieses Buch insbesondere - es sei denn insofern, als der Titel etwas anderes erwarten läßt. Angesichts der überaus komplexen und problematischen, ja zumeist paradoxen Materie bekommt allerdings der Wissenschaftsbegriff und der damit verbundene objektivierende Anspruch in der Astronomie eine sehr eigene Bedeutung. Und wenn man schon unter diesen Umständen über die Sache selbst letztlich nichts Endgültiges aussagen kann und dennoch wie der Autor dem Leser alles als gesichertes Wissen präsentieren möchte, so kann sich natürlich dieses Wissen nur auf das beziehen, was derzeitig in der Wissenschaftsszene mehrheitsfähig ist und insofern als aktuell einigermaßen etablierte Theorie gelten kann. Das mag ein Standpunkt für einen Publizisten sein, aber man sollte nicht den Eindruck erwecken, als sei das, was der derzeitige Konsens ist, damit auch objektiv richtig: Eine Theorie oder gar Hypothese bleibt es dennoch, und deshalb ist die Art und Weise, wie der Autor gleichzeitig alle Betrachtungen früherer Philosophen als völlig überholt oder „pseudowissenschaftlich[2] abtut, sehr anmaßend. So schreibt er etwa:

Fragen (bezüglich unserer und der Natur des Universums), die früher ein Tummelplatz für Mythen, Geschichtenerzähler, Philosophen und Theologen waren, können heute viel wahrheitsgetreuer von den Naturwissenschaften beantwortet werden. Diese haben die Religionen sogar bereits überholt, weil sie Antworten auf grundlegende Fragen auf der Spur sind, die in den Schriften der Religionen nicht einmal vorkommen, wie „Was war vor dem Urknall?“, „Gibt es Leben außerhalb der Erde?“ oder „Existieren andere Universen?“

Es mag zwar richtig sein, daß sich die Religionen nicht danach gefragt haben, was vor dem Urknall war (womit hier offenbar der Weltbeginn gemeint ist), aber das spricht im Zweifel nicht gerade gegen sie. Selbst wenn die Fragestellungen in früheren Zeiten anders lauteten oder gar nicht im Raume standen, so ist es doch nicht ersichtlich, auf welchem dauerhaft tragfähigen Fundament dem Autor die Gewißheit zugewachsen sein könnte, das letzte Wort auch über kosmologisch wesentlichere Fragen zu haben. Der Wissenschaftsanspruch wird hier jedenfalls fragwürdig, denn die Kosmologie war immer ein Grenzgebiet zwischen Philosophie, Religion und Wissenschaft, und das kann an sich auch nicht anders sein, da es hier um Dinge geht, die sich dem Postulat der Wissenschaftlichkeit entziehen bzw. dieses übersteigen. So sind etwa alle Theorien über Vorgänge vor und nach dem sog. ‚Urknall’ sowie über mehr als vier Dimensionen usw. bloße Spekulation, die sich dem Grundanspruch reiner Wissenschaftlichkeit entziehen und entsprechend bei derzeitigen Fachleuten teilweise sehr kontrovers diskutiert werden, unter denen viele leider auch oft eine bedauerliche Unkenntnis früherer Diskussionsstände zeigen, deren Grundsätze keinesfalls überholt sein können. Deshalb kann die Astronomie nur bedingt einen naturwissenschaftlichen Anspruch erheben. Sie ist eine Erscheinungskunde, nicht mehr, und sie kann uns zwar mittlerweile sehr viel über das sagen, was in Erscheinung tritt, wenig jedoch darüber, warum es das tut. Offenbar befinden wir uns hier in einer Sackgasse, denn insofern ist es fast zwangsläufig, daß sich die Wissenschaftler in eine formalistische Methode retten, und wenn es denn so ist, ist die Kosmologie einerseits bei der reinen Naturwissenschaft nicht gut aufgehoben, während andererseits angesichts ihrer Dominanz die beiden anderen Disziplinen - Religion und Philosophie - gegenwärtig in einer „paradigmatischen Paralyse“ verharren. Es wäre deshalb dringend nötig, daß sie sich auf diesem Gebiet wieder ein wenig mehr zu Wort meldeten. Wenn ich das im folgenden versuche und die Ergebnisse und neuesten Theorien der Astronomen, die uns leider allzu sehr als der Weisheit letzter Schluß präsentiert werden, kritisch unter die Lupe nehme, so bemühe ich mich, nicht in den gleichen Fehler zu verfallen, und meine eigenen Ansichten besserwisserisch dagegenzustellen - damit würde ich auch wohl angesichts der Machtverhältnisse schnell in die Defensive geraten -, sondern mich darauf zu beschränken, die Problematik einiger gängiger Theorien aufzuzeigen und mit aller Vorsicht auf andere Denkansätze zu verweisen. Wohl gemerkt: ich habe für diese auch keine punktuellen und stichhaltigen Beweise; meine Sicht der Dinge bezieht aber Religion und Philosophie wieder mit ein und stellt letztlich den Menschen in den Mittelpunkt. Ich möchte mich allerdings von der ungemütlichen und auch unwahrscheinlichen Annahme befreien, daß das Universum nur eine Maschine ist, in deren Räderwerk wir nur völlig zufällig geraten sind.

Universum 3

Beginnen wir mit einer sehr geläufigen Tatsache, die wir zumeist wie selbstverständlich hinnehmen und von dem Autor als objektives Wissen vorausgesetzt wird, obwohl sie alles andere als plausibel ist: Bereits auf der Schule lernen wir, was uns der Autor dazu mitteilt: "Die Planeten können ihre Umlaufbahn nicht verlassen, weil die Anziehungskraft der Sonne und die von der Sonne weggerichtete Zentrifugalkraft einander genau die Waage halten." Das wäre allerdings nur eine Zustandsbeschreibung, doch keine Erklärung, zumal sie der beobachteten Tatsache widerspricht, daß sich die Planeten nicht auf einer kreisförmigen, sondern elliptischen Bahn um die Sonne bewegen. Im übrigen stellt sich dabei die Frage, warum man unbedingt diese Bewegung aus zwei verschiedenen Komponenten zusammensetzen will. Daß die Kreis- bzw. Ellipsenbewegung nicht weniger oder sogar noch fundamentaler als die lineare Fortbewegung sein könnte, zeigt doch das elektromagnetische Feld! Sähe man die Planetenbahnen in derartige Felder eingebettet, so wäre das eine weit bessere Erklärung dafür, warum die Planeten derartig konstant darauf verbleiben. Das legt im übrigen nicht nur die Gravitationserklärung der Allgemeinen Relativitätstheorie nahe, sondern es ergibt sich alternativ auch aus der Wirbeltheorie und dem Phänomen des roten Flecks auf dem Jupiter, der tatsächlich nichts anderes als ein seit Urzeiten konstanter Wirbelsturm ist. Max Jammer[3] weist darauf hin, daß sich bereits Kepler fragte, ob sich die Planeten in den elliptischen Bahnen noch ‚naturgemäß’ verhielten und ob der Begriff der Naturgemäßheit wirklich ein Grundbegriff sei oder ob man ihn auf eine Beziehung zurückführen müsse, die auf noch umfassenderen Naturgesetzen beruht:

Die Suche nach einer dynamischen Erklärung der Planetenbewegung wurde so zu Keplers Leitidee. Keplers Begriff der Kraft stammt aus der Idee von Bewegungs-Intel­ligen­zen, Seelen oder reinen Formen...

... womit er übrigens bereits Leibniz vorweggenommen hat. Das ist insofern interessant, als es zeigt, daß die Vorstellung, daß man alle Bewegungen auf einige wenige lineare Formen zurückführen müsse, nicht so alt und selbstverständlich ist, wie sie uns heute im Schulunterricht nahegelegt wird (zumal ja auch die Linearität nur eine Abstraktion ist, da es üblicherweise keine geraden Linien in der Natur gibt - es sei denn in den Kristallen, von denen C.G. Jung sagen würde, daß sie dem Materie-Archetypus entsprechen und uns so gesehen die Linearität auch als eine konsequente Ausgeburt des heute vorherrschenden Materialismus erscheinen könnte!). Es ist merkwürdig, daß der Autor eines Buches mit dem Titel ‚Kann das alles Zufall sein?’ noch nicht einmal diese von ihm erwähnte hervorragende Gelegenheit benutzte, die schlichte Kausalität in Frage zu stellen, die der heute immer noch üblichen Annahme hinsichtlich der Planetenbewegungen zugrunde liegt, bei der es uns eigentlich sehr ungemütlich werden müßte, wenn wir es so sähen. Denn ansich kommt das der Angst des Publikums gleich, daß der Pianist bis zum Ende der Vorstellung auch alle Tasten richtig trifft. Wir können aber wohl sicher sein, daß die Planeten genau ‚wissen’, warum und wie sie auf ihren Bahnen bleiben - schließlich haben sie diesen Zustand ja nicht vorgefunden, sondern sind in ihn hineingewachsen bzw. sind wie der Jupiter-Fleck erst sein eigentlicher Ausdruck. Im übrigen weiß jeder Billardspieler, daß Körper, die sich wie alle Planeten im Zustand der Rotation befinden, von sich aus eine krummlinige Bahn beschreiben. Außerhalb der unmittelbaren Gravitationseinwirkung ist eine geradlinige Bewegung im Weltraum weder definiert noch auch überhaupt definierbar - noch nicht einmal als Peil-Linie zwischen mehreren Planeten oder stellaren Objekten, wie die Relativitätstheorie nachgewiesen hat.


Universum X

 
   

Unsere Beziehung zum Sternenhimmel

Der Autor kommt auch auf den von uns aus sichtbaren nächtlichen Sternenhimmel zu sprechen[4]:

Nur weil sich die Erde mitten in der Milchstraße befindet, können wir den prachtvollen Sternenhimmel in der Nacht sehen…Auch die Lokale Gruppe, in der sich neben etwa 30 weiteren Galaxien unsere Milchstraße befindet, ist nur ein unwesentlicher Vorposten im Virgo-Haufen, der wiederum aus über tausend Galaxien besteht und dessen Zentrum rund 50 Mio Lichtjahre von uns entfernt ist. Neben dem Virgo-Haufen gibt es Hunderte Millionen weitere Galaxienhaufen in dem von uns sichtbaren Bereich des Universums. Der modernen Kosmologie und der Einsteinschen Relativitätstheorie zufolge läßt sich mit naturwissenschaftlichen Methoden ein absolutes Zentrum des unendlich ausgedehnten Universums dann auch gar nicht ermitteln…

Nach dieser Sicht muß der Mensch angesichts solcher Dimensionen völlig unbedeutsam erscheinen. Ganz anders sieht das aber aus, wenn wir den Menschen so in den Mittelpunkt stellen, wie es ihm aus seiner Sicht erscheint. Denn es muß noch einmal daran erinnert werden, daß wir eine von uns nicht erlebte und wahrgenommene Welt nicht kennen und daß demnach jede Veräußerung nur eine Abstraktion ist. Noch zu Leibniz’ Zeiten dachte man viel weniger positivistisch. Demnach könnte unser Blick in den Weltraum vielleicht nur jeweils unsere persönliche Emanation sein, die aber - gemäß C.G. Jung und den Upanischaden - über das kollektive Unbewußte mit den Emanationen anderer Seelen korreliert ist und im Nahbereich - analog 'Schrödingers Katze' - die uns geläufige physische Realität gewinnt, was jedoch nicht gleichermaßen für weiter entfernte Bereiche der Fall sein muß. So gesehen könnte einerseits die Zahl der Projektionen durchaus endlich sein, und andererseits wäre es höchst bedeutsam, was die Einzelseele ‚emaniert’ und auf welchem Niveau sie es tut. (Im Bewußtsein einer Kuh gibt es nicht nur deshalb kein Universum, weil sie es nicht reflektiert, sondern weil sie es auch gar nicht ‚emaniert’ - also durch Ausstülpung aus dem Brahman für ihren Part erschafft.) Deshalb bekommt hier nicht nur der einzelne Mensch, sondern auch seine jeweilige spirituelle Qualität eine hohe Bedeutung. Beides leugnet bekanntlich der Positivist, womit er sich nicht nur vom Universum, sondern auch von jeder irdischen Verantwortung freimacht - mit den bekannten Folgen. Mit derartigen Spekulationen begeben wir uns aber auf ein sehr unsicheres Terrain, denn selbst unter den Philosophen gibt es Positivisten, die ohne weiteres die übliche naturwissenschaftliche Sicht übernehmen. Ein entschiedener Vertreter des Positivismus, Bertrand Russell, hat jedenfalls alle Spekulationen der vorgenannten Art strikt abgelehnt:

Ich akzeptiere vorbehaltlos die Ergebnisse der modernen Astronomie und Geologie, die die Annahme nahelegen, daß sich psychisch-geistige Vorgänge nur in einem vergleichsweise winzigen Raum-Zeit-Abschnitt abgespielt haben und die ungeheuer langfristigen Entwicklungsprozesse der Milchstraßensysteme und Sterne nach Gesetzen ablaufen, in denen es keinen Platz für so etwas wie ‚Geist‘ oder ‚Bewußtsein‘ gibt.[5]

Das sind deutliche Worte. Andererseits sah er sich aber gezwungen, folgendes einzuräumen:

Unglücklicherweise finden wir in der theoretischen Physik heutzutage längst nicht mehr jene großartige dogmatische Klarheit, die von der Physik des 17.  Jahrhunderts scheinbar ein für allemal erreicht worden war... In klaren Nächten gibt es an jedem Ort der Atmosphäre ebenso viele verschiedene Ereignisse, wie es Sterne gibt, die auf einer von diesem Ort aus gemachten Aufnahme erscheinen, und jedes dieser Ereignisse muß durch eine Art von ‚persönlicher Geschichte‘ mit dem Stern verbunden sein, dem es von hier aus zuzuordnen ist...

Gemeint ist damit wohl die Tatsache, daß es eigentlich nicht denkbar ist, daß alle diese ‚Ereignisse’ aus einer einzigen raumzeitlichen Quelle, einer Art Ur-Ei, kommen, wie es zumindest einige Varianten der Urknall-Theorie voraussetzen. Damit sind wir aber letzten Endes wieder bei Leibniz‘ Monadenlehre: greifen wir einmal dieses von Russell gebrauchte Bild auf und versuchen wir uns vor Augen zu führen, zu welchen Konsequenzen es uns bezüglich unseres Sternenhimmels führen muß. Für die moderne Astronomie steht es fest, daß es im gesamten Universum keinen bevorzugten Ort gibt und daß sich demnach einem Beobachter von jedem seiner möglichen Standorte prinzipiell stets das gleiche Bild bieten muß. Das Universum hat also keinen Mittelpunkt oder zentralen Ort, von dem ausgehend es entstanden ist. Dennoch beobachten die Astronomen, daß sich die Sterne von u n s e r e m Beobachtungsort ausgehend auseinanderbewegen (sog. Hubble-Expansi­on)- und zwar mit wachsender Geschwindigkeit, die sich an unseren Beobachtungsgrenzen bereits der Lichtgeschwindigkeit nähert, was den Schluß nahelegt, daß sich das Universum stetig ausdehnt. Hierauf werden verschiedene Theorien gegründet, die sich auf die zukünftige Entwicklung des Universums beziehen - ob es etwa genügend Masse besitzt, so daß die Gravitationskräfte ausreichen, sein Auseinanderstreben irgendwann zu einem gerade noch rechtzeitigen Ende zu bringen, bevor es endgültig auseinanderdriftet usw. Doch muß uns unsere Gegenüberstellung eigentlich deutlich machen, daß es keinen denkbaren Konsens dieser beiden Grundannahmen geben kann - kein zentraler Ort, aber doch ein Auseinanderdriften von unserem zentralenOrt -: was kann das anderes heißen, als daß dieses Auseinanderdriften eigentlich von jedem Beobachtungsort aus stattfinden muß, und wie will man das mit der Annahme eines objektiven Universums in Einklang bringen? (Die Astronomen versuchen diesem Dilemma allerdings mit einem Ballonbeispiel zu begegnen. Darauf kommen wir noch an späterer Stelle zu sprechen.) [6]

Wäre es dagegen so, wie wir es oben angedeutet haben, dann könnten wir tatsächlich nicht mehr von einem konkreten Universum sprechen. Ein konkretes Universum entspricht allerdings unserer Annahme einer objektiv bestehenden Welt. Was aber heißt ‚konkret‘? Einem Philosophie-Lexikon (Kröner) können wir folgende Definition entnehmen: ‚Konkret‘ heißt das natürliche, sichtbar und greifbar Wirkliche, das sich zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort befindet. Diese Definition ist recht brauchbar und deckt sich mit dem, was wir üblicherweise darunter verstehen, indem es alle vier Dimensionen zusammenfaßt.[7] In diesem Sinne nehmen wir auch an, daß die Erscheinungen am nächtlichen Sternenhimmel durchaus sehr konkret sind, da sie uns wirklich und doch wohl auch außerhalb unseres Geistes existierende Himmelskörper zeigen. Doch gilt das eben nur für die einzelnen Sterne, nicht aber für das Gesamtbild des Sternenhimmels, nach dem wir hier fragen. Was dieses nämlich betrifft, so läßt sich darin die für die vorgenannte Definition der Konkretheit erforderliche Gleichzeitigkeit aller Teile des Gesamtbildes im objektiven Sinn nicht feststellen, denn das, was dabei gleichzeitig geschieht, ist nur das Eintreffen der Lichtstrahlen im Auge des Beobachters (!), während das uns erscheinende Bild des Sternenhimmels aus lauter völlig unterschiedlich weit entfernten Sternen besteht, deren Licht deshalb auch zu völlig unterschiedlichen Zeiten seine Wanderung zu uns begonnen hat. Wie sollen wir uns ein konkretes Objekt vorstellen, dessen Teile zwar sichtbar räumlich geordnet sind, jedoch nicht gleichzeitig existieren? Man muß daran erinnern, daß zumindest die frühe Philosophie Zeit und Raum völlig trennte und gar nicht an eine Verknüpfung dachte, sodaß der Raum ganz für sich existierte, während wir in unserem Sternenhimmel dessen ungeachtet zeitlich versetzte Objekte in ein einziges Raumbild zusammenbringen, was demnach ansich ausgeschlossen sein muß. Und schließlich muß das, was für die Dimensionen des Universums gilt, prinzipiell auch für unsere irdischen Dimensionen gelten, wenn wir es uns dort auch nicht so deutlich machen können und wenn es auch keinerlei Bedeutung für unsere erlebte Wirklichkeit hat. Mit anderen Worten: der Betrachter kommt im makroskopischen Bereich ebensosehr wie bereits anerkannterweise im mikroskopischen ins Spiel (und zwar als die notwendige Subjektkomponente, ohne die die konkretisierende - richtiger: konkretionierende! - Gleichzeitigkeit nicht denkbar ist.[8]). Das versetzt uns immerhin in die Lage, die beiden erwähnten und sich scheinbar widersprechenden Ausgangspositionen der Astronomie miteinander in Einklang zu bringen - allerdings um den Preis der endgültigen Verabschiedung von dem materialistischen Paradigma, wozu die wenigsten Astronomen bereit sind, die statt dessen lieber mit ihren Widersprüchen leben.

----------------------------------

[4] Immer wenn ich im folgenden keine besondere Quellenangabe mache, beziehe ich mich auf das Buch von Oberhummer.


   
   

Unser Planet und unsere Galaxie

Der Autor stellt uns dann die Situation unseres Sonnensystems innerhalb eines Armes der Milchstraße vor. Dieser Ort ist tatsächlich ideal, denn wären wir näher am Zentrum unserer Galaxie, so kämen uns wegen der dort herrschenden Dichte mit größerer Wahrscheinlichkeit andere Sonnen in die Quere und würden uns bedrohen; lägen wir dagegen zu weit am Rande, würde uns der Sternenhimmel sehr dunkel erscheinen. Daraus folgt, daß ein Planet, auf dem Leben möglich ist, nicht nur durch den richtigen Abstand von seiner eigenen Sonne, sondern auch von derem Abstand vom Galaxiezentrum abhängig ist. Eines müssen wir uns nämlich klarmachen: alle Sterne, die wir am Himmel mit unserem bloßen Auge sehen, gehören ausschließlich zu unserer eigenen Galaxie. Die Milchstraße ist also nicht nur das helle Band, das wir in klaren Nächten deutlich sehen, sondern das ist nur jene Scheibe, auf die wir aus ihrem Seitenarm blicken, während wir gleichzeitig um uns herum in die ganze Breite dieses Armes blicken. Die einzigen am Himmel mit bloßem Auge sichtbaren Objekte, die nicht zu unserer eigenen Galaxie gehören, sind die Nachbargalaxie Andromeda und die Magellanschen Wolken. Wie aber wäre es, wenn unser Sonnensystem zwischen den Galaxien läge? „Dort würde die Erde ein einsames Dasein fristen, und am irdischen Nachthimmel würden dann von der Erde auch keine Sterne mehr sichtbar sein, weil wir uns dort nicht mehr in einer Galaxie befinden.“ Daß wir uns aber nicht nur zufällig an einem solchen Ort befinden, ergibt sich aus der Tatsache, daß wir dort gar nicht existieren könnten, weil der für uns lebensfeindlich wäre - und zwar nicht nur physisch, sondern auch psychisch. Selbst wenn uns noch genug körperliche Wärme verbliebe, wäre ein ungleicher Sternenhimmel wegen der Erdrotation mit sehr schwankenden Lichtverhältnissen verbunden, die unseren psychischen Rhythmus beeinträchtigen. Grundsätzlich ist mit der Kantschen Apriorik des Raumes auch die Psyche des erkennenden Subjektes in das kosmische Geschehen eingebunden. An der Ignorierung dieses Tatbestandes müssen auch alle verobjektivierenden Kosmologien scheitern, wie etwa die diversen Urknalltheorien, die davon ausgehen, daß plötzlich mit einem Schlag von wem auch immer die gesamte Materie in unser Raum-Zeit-Kontinuum geschleudert wurde.

Für eine solche Annahme hätten allerdings auch die ‚Alten’ kein Verständnis gehabt. Plutarch zitiert den Empedokles: „Als Narren und Gedankenlose müssen wir verurteilen, die sich so seltsam verhalten und glauben, das, was nie existierte, mag nun plötzlich entstehen, und das, was existiert, mag radikal zugrunde gehen.“ Und Lukrez sagt in seinem Werk ‚De rerum natura’: „Nullam rem e nilo gigni divinitus umquam.[9] („Nichts kann auch durch göttliche Macht je aus Nichts geschaffen werden.“) … Dessen ungeachtet haben derzeit alle möglichen Urknalltheorien eine Hochkonjunktur. Mit ihnen ist zumeist die Auffassung verbunden, daß sich das Universum erst bis zur Sichtbarkeitsgrenze ausgedehnt hat, was sich aus der beobachteten Galaxienflucht und der sog. ‚Rotverschiebung’ des Lichtes ergeben soll. Dabei wird unterstellt, daß die Zeit seit dem ‚Urknall’ eben noch gar nicht länger gereicht hat, um die Sterne bzw. Galaxien sich weiter ausdehnen zu lassen. Rück­wirkend schließt man so auf das Alter des Universums:

Es existieren zumindest drei unabhängige grundlegende Beweise, die mit den Vorhersagen des Urknallmodells übereinstimmen: die Galaxienflucht, die kosmische Hintergrundstrahlung und die Häufigkeiten der im Urknall entstandenen leichten chemischen Elemente. Daß sich die Galaxienhaufen voneinander wegbewegen, können wir durch einen physikalischen Effekt, der Rotverschiebung genannt wird, beobachten… Durch die Rotverschiebung des Lichts läßt sich die Geschwindigkeit, mit der sich die Galaxienhaufen von uns fortbewegen, und damit die Ausdehnungsgeschwindigkeit des Universums bestimmen. Warum ist die Galaxienflucht, welche durch die Rotverschiebung der sich von uns wegbewegenden Galaxien beobachten können, ein Hinweis auf den Urknall? Nun, wenn sich das Weltall immer weiter ausgedehnt und die ganze Materie im Universum sich immer auseinanderbewegt hat, müssen wir doch annehmen, daß im Universum gestern alles näher zusammen war als heute. Je weiter wir in die Vergangenheit zurückgehen, umso dichter war daher das Universum. Schließlich war beim Urknall vor 13,7 Mia Jahren die Materie in einem extrem dichten und heißen Zustand zusammengepreßt.

Das Universum soll also so und so alt sein. Die überwiegende Mehrzahl der Urknalltheorien geht davon aus, daß ‚damals’ auch Raum und Zeit mitentstanden sind, obwohl das jedes ‚damals’ zwangsläufig infragestellt. Wenn man sich dieses sinnvollerweise jedoch nicht als plötzliches, sondern als ein successives Geschehen vorstellt, und wenn man andererseits feststellt, daß auch die Mehrzahl der Physiker noch immer für den Weltbeginn mit dem Urknall auf einem festen Zeitrahmen besteht, so gibt es demnach dabei eine erhebliche Schnittmenge von Physikern, denen man logische Inkonsequenz vorwerfen muß. Wenn die Zeit ansich keinen sinnvollen Beginn hatte, macht es auch keinen Sinn, von einem festen Zeitpunkt des Urknalles zu reden und die seitdem vergangene Zeit festzulegen. Nehmen wir statt dessen an, die Zeit habe sich wie aus einem Traum erst in unsere heutige Realität hineinprojiziert, dann kommen wir zu einem anderen Modell: wenn nämlich jemand in einer einzigen Nacht von der ganzen Kulturgeschichte seit etwa den frühen Pharaonen bis heute träumt, wird man auch nicht meinen, diese Zeit habe folglich nicht länger als etwa acht Stunden gedauert, sondern man wird einräumen, daß die Realzeit und die Traumzeit zwei verschiedene Dinge sind. Hieraus folgt, daß wir nicht wissen, wie viel Zeit nach unseren heutigen Maßstäben das Universum hatte, um sich auszudehnen, sodaß sich dieses durchaus hinter der Sichtbarkeitsgrenze noch wesentlich weiter in einen Bereich ausdehnen kann, von dem wir lediglich keine Kenntnis mehr haben, weil das jenseits unseres Horizontes liegt. Das bedeutet, daß die ‚tatsächliche’ Zeit sowohl länger als auch kürzer gewesen sein kann, je nachdem, ob wir die Messung um die Ecke herum fortsetzen (gemäß dem Zenon von Elea, der in seiner logischen Paradoxie des Achilles und der Schildkröte ausführte, daß jener diese nicht überholen könne, sofern er ihr einen auch nur kleinen Vorsprung gewähre) oder ob wir nur ihren linearen ‚Schatten’ sehen und damit innerhalb unseres als selbstverständlich vorausgesetzten logischen Systems verbleiben. Das Urknall-Modell und der damit verbundene Zeitrahmen kann sich so als ein bloßes Projektionsphänomen erweisen - ebenso wie übrigens die Obergrenze der Lichtgeschwindigkeit, derzufolge es nach gängiger Annahme nicht möglich ist, ihr noch etwas hinzuzuaddieren, was bisweilen zu merkwürdigen Paradoxien führt, die sich auflösen würden, wenn wir stattdessen von einer Fortsetzung durch Abbiegung hinter eine Sichtbarkeitsgrenze ausgingen, denn es ist natürlich durchaus möglich, eine Gestalt zu vergrößern, ohne daß ihr Schatten sich vergrößert.

 


   
   
   

Die Paradoxien des Urknalls

 

Damit würden sich auch andere Probleme lösen:

Weil es kein absolutes Zentrum in unserem Kosmos gibt, leben wir an keinem besonderen Ort im Universum. Nun mußte man aber feststellen, .. daß es dennoch einen besonderen Zeitpunkt gibt - eben der Anfang unseres Universums, der Urknall. ..

Da sich Zeit und Ort nicht unabhängig voneinander sehen lassen, ergibt sich daraus eine merkwürdige Paradoxie: Wir müßten von einem Weltbeginn nicht nur in einem einzigen Moment, sondern auch überall zugleich ausgehen. Das würde sich zwar teilweise dadurch auflösen, daß wir annähmen, der Raum habe sich eben erst allmählich entwickelt oder entfaltet, aber warum will man das dann nicht auch für die Zeit annehmen? Dieses Problem bringt diverse Autoren in Verlegenheit. Dazu kann man etwa in der Cambridge Enzyklopädie der modernen Astronomie folgendes lesen:

Wenn unsere Vorstellungen über die Natur der Materie stimmen,... dann ist das Vorhandensein einer Singularität (Anm.: der sog. Urknall) in der Vergangenheit unausweichlich. Man müßte die gegenwärtig anerkannten Gesetze der Physik völlig negieren, wollte man die Schlußfolgerung vermeiden, daß sich das Universum aus einem singulären Zustand entwickelt hat... Die Homogenität des Universums unterstellt, daß alle seine Teile im Einklang zu expandieren begonnen haben müssen, und doch gibt es augenscheinlich keine physikalische Wirkung, mittels derer sich die verschiedenen Gebiete verständigt haben konnten, um ihre Lebensgeschichte zu synchronisieren.... Wir betrachten zwei kosmische Observatorien A und B und nehmen an, daß der Kosmos sowohl von A als auch von B aus homogen und isotrop erscheint... Zu einem hinreichend frühen Zeitpunkt werden sich A und B gegenseitig nicht sehen können, da die von A emittierten Lichtstrahlen nicht ausreichend Zeit hatten, um B zu erreichen, und umgekehrt. Man sagt, daß A und B jeweils jenseits des Horizonts des anderen liegen. Sie sind kausal getrennt, womit wir sagen wollen, daß zu jenem Zeitpunkt nichts, was sich in der Umgebung von A ereignet, B beeinflussen kann, und umgekehrt.  Später können A und B ihre jeweilige Umgebung vergleichen. Gegebenenfalls kommt ein Zeitpunkt, an dem sie erkennen, daß sie eine nahezu identische kosmische Geschichte erlebt haben. Obwohl A und B ganz früh keine Verbindung miteinander hatten (und sogar keine Kenntnis von der Existenz des anderen), ging das Universum irgendwie gleichzeitig an beiden Stellen knallartig los. So scheint unsere Beobachtung der Homogenität und Isotropie des Kosmos im Großen eine Brechung des Kausalitätsgrundsatzes einzuschließen, daß nämlich die Ursache der Wirkung vorausgeht, zumindest um eine Zeitspanne, die ein Lichtstrahl benötigt, um vom Ort der Ursache zum Ort der Wirkung zu gelangen... Es ist unnötig zu erwähnen, daß wir noch nicht klug genug sind, um mit diesem Problem theoretisch fertig zu werden.

Selbst Russell bekam angesichts solcher Dinge bisweilen etwas mystische Anwandlungen:

... Was diese rein physikalischen Analoga von Wahrnehmungsvorgängen demonstrieren, ist, daß sich zu fast jedem Zeitpunkt an fast jedem Ort (wenn nicht sogar zu jedem beliebigen Zeitpunkt an jedem beliebigen Ort) eine ungeheuer große Zahl von einander überschneidenden Ereignissen abspielt und daß ein Großteil dieser Ereignisse durch Kausalketten mit einem Ursprungsereignis verbunden ist, das in einer Art von ungeheuerlicher Fruchtbarkeit an allen möglichen Orten zahllose Nachkommen hinterlassen hat, die ihm mehr oder minder ähnlich sehen... Der bestirnte Himmel, den wir wahrnehmen, ist in uns; der bestirnte Himmel, an dessen äußere Existenz wir glauben, ist etwas, das von uns erschlossen worden ist.

Also doch! Von dem ursprünglichen positivistischen Elan ist dabei jetzt aber nichts mehr zurückgeblieben! Was die Verfasser der o. g. Astronomie-Enzyklopädie bei ihrem Erstaunen auch nicht berücksichtigt haben, ist der Umstand, daß ihnen dabei ebenfalls die als selbstverständlich gedachte Voraussetzung einen Streich spielte, daß das heutige Raum-Zeit-Konti­nuum schon immer die gleiche Gestalt gehabt hat. Irgendwo und irgendwann soll es also darin den Urknall gegeben haben - aber natürlich eigentlich doch nicht irgendwo, sondern ‚überall‘ gleichzeitig. Daß eine solche Aussage aber einfach keinen Sinn ergibt, fiel ihnen dabei selbst auf. Was aber war dann? Wir greifen dazu auf ein Gedankenexperiment zurück und stellen uns vor, daß wir das Auseinanderdriften des Weltraumes mit einer Kamera über einen längeren Zeitraum aufnehmen. Wenn wir danach den Film umgekehrt ablaufen lassen, zieht sich der Sternenhimmel wieder zusammen. Dabei können wir in unserem Gedankenexperiment aber auch über den Zeitpunkt hinaus zurück gehen, zu dem wir mit unseren Filmaufnahmen begonnen haben, und sehen nun, daß er sich immer weiter zusammenzieht, bis er in einem Punkt endet. Dieses wäre dann das Bild und der ‚Zeitpunkt‘ des ‚Urknalles‘ gewesen. Warum aber gehen die Überlegungen der Autoren von vielen verschiedenen Ausgangsorten aus? Ganz einfach: solange wir das Universum als objektiv existent denken, gibt es dabei nämlich noch einen Haken: es hätte sich damit nur der bestirnte Himmel zu einem Punkt zusammengezogen, während aber Raum und Zeit weiterhin in voller Ausdehnung existierten, womit wir zu der Folgerung gezwungen wären, daß wir diese ,Singularität‘ dennoch an irgendeinem Ort und Zeitpunkt lokalisieren müßten, womit sie - zumindest in dem gemeinten Sinn - strenggenommen keine mehr wäre. Das wäre aber völlig unlogisch und auch nicht mit der Aussage in Deckung zu bringen, daß es im Universum keinen bevorzugten Ort gibt. Wir müssen also - wenn wir folglich der Annahme vieler gleichzeitiger Ausgangsorte entgehen wollen - zu einer Lösung kommen, die dahin führt, daß auch Zeit und Raum in diesen (letztlich geistigen) Ur-Punkt zusammensinken, aus dem sie einmal entstanden sind, denn erst dann gäbe es einfach keinen Sinn mehr, zu fragen, wann und wo diese ‚Singularität‘ stattgefunden hat. Es gibt aber, so weit man sehen kann, nur eine in sich schlüssige Lösung, die das erklärt, und das ist die Annahme, daß Raum und Zeit mit dem Urknall mitentstanden sind, und das läßt sich eigentlich nicht anders erklären, als daß sie im Sinne Kants Kategorien des Bewußtseins sind (sie sind ihm „apriori“ gegeben, sind also eine Bedingung der Erkenntnis selbst) - doch nicht nur des menschlichen, sondern des Allgeistes, der sich hier selbst dachte und von dem unser individuelles Bewußtsein eben nur eine Ausstülpung ist, die heute das als so sehr physikalisch empfundene Universum ständig weiter konkretisiert. In der Tat konnte ja nie eine „Äther“-Substanz nachgewiesen werden, sodaß wir den leeren Raum lediglich dadurch definieren können, daß darin etwas angeordnet ist - er ist also per se gar nicht objektiv existent, sondern lediglich ein abstraktes Bezugssystem. Die gängige Urknall-Theorie (nicht alle) geht nicht nur von der naiven Vorstellung aus, daß bereits ‚damals‘ Raum und Zeit in der heutigen Form bestanden, sondern auch davon, daß ‚damals‘ bereits ein menschlicher Beobachter danebenstand, der sich die Ohren zuhalten mußte, weil es so laut war, und der vermutlich eine Feuerschutzkleidung tragen mußte, weil es so heiß war. Doch bei den von den Astronomen dazu genannten Werten, die jede Vorstellung sprengen, hätten diese Maßnahmen kaum geholfen. Wir sollten aber bedenken, daß etwa die Hitze nur auf schnelle Teilchenbewegungen zurückzuführen ist, und daß erst ein heutiges menschliches Bewußtsein diese als heiß und laut empfinden konnte. Und da Zeit und Raum erst entstanden, gibt es auch keinen Sinn, von schnellen Teilchenbewegungen zu sprechen, sondern wir müßten eher sagen: alles brauchte eben die dafür (denk)notwendige Zeit, und natürlich geben auch die Begriffe ‚Teilchen‘ und ,Bewe­gung’ in diesem frühen Stadium noch keinen Sinn.

Es versteht sich von selbst, daß unsere - durch die Quantenphysik nur mäßig beunruhigten - weiterhin positivistisch orientierten Naturwissenschaftler von solchen Überlegungen nichts wissen wollen. Sie favorisieren statt dessen - obwohl das den Rahmen strenger Naturwissenschaftlichkeit weit überschreitet und nichts anderes als bloße Philosophie ist, die jedoch durchaus unzulässig mit wissenschaftlichem Anspruch verbunden wird - einige neue Theorien, die die alte Urknalltheorie ablösen und alle diese Probleme lösen sollen, wobei zugleich die Vorstellung von einem zwar äußerst mysteriösen, aber dennoch objektiv gegebenen Universum unangetastet bleibt. Eine davon ist die ‚Steady-State-Theorie’, eine Art Gleichgewichtstheorie des Universums, derzufolge das Universum eine ewig gleiche und unveränderliche raumzeitliche Struktur besitzt. Eine andere ist die ‚Superstring-Theorie’, in der praktisch alles, Gravitation und Quantenmechanik, vereint ist. Die Elementarteilchen werden darin als kleinste schwingende Saiten vorgestellt, die aber nicht in den üblichen, sondern in besonderen Dimensionen existieren, die aber so klein sind, daß man sie nicht sehen kann. Darauf muß man erst einmal kommen! Ebenso können wir annehmen, der Tag habe hundert Stunden, wobei die restlichen 76 Stunden eben so winzig klein sind, daß wir sie nicht beobachten können. Da wir des öfteren die Nachricht erhalten, wir hätten plötzlich 1000 Euro gewonnen, warten wir nur noch auf eine ähnliche Erklärung. Aber im Ernst: In der Philosophie ist es seit langem unbestritten, daß die räumlichen Dimensionen ganz genau so sind, wie sie uns erscheinen, denn sie sind konstituierende Bedingungen der räumlichen Erscheinungen. Tatsächlich hat noch niemand direkt eine Dimension gesehen; sie sind nur gewissermaßen Denkwerkzeuge zur Erfassung der räumlichen Erscheinungen und demnach definitorisch. Von mehr als drei räumlichen Dimensionen auszugehen ist etwa so sinnvoll wie zu sagen, neuere Untersuchungen hätten ergeben, daß Pferde in Wirklichkeit viel mehr als nur ein PS hätten. Wollte man das nämlich anhand der so gemessenen Autostärken ermitteln, so müßte man auf den Begriff PS verzichten. Das könnte auch hier geschehen, indem man erklärt, es handele sich nicht um räumliche Dimensionen im Sinne des alten Verständnisses.[10] Sogar die Grenze der Lichtgeschwindigkeit möchte man gemäß einer neueren Theorie nicht mehr anerkennen, weil sie im Anfangsstadium des Universums zu Schwierigkeiten führt, wenn man dabei dennoch bei der heutigen Zeit-Vorstellung bleibt. Die entsprechende Theorie heißt ‚Inflationstheorie’. Dieser Theorie zufolge soll die Energie des Urknalls zu einer plötzlichen „Raumausdehnung“(!!!) geführt haben – und zwar mit „Überlichtgeschwindigkeit“. Denn – so die Ausnahmebegründung – zwar sei eine überlichtschnelle Bewegung eines Objektes im Raum gemäß der Speziellen Relativitätstheorie nicht möglich, wohl aber die Ausdehnung des Raumes selbst. Zwei Punkte, die sich vor dieser abrupten Ausdehnung ganz nahe zusammen befunden haben, könnten so auf einmal extrem weit voneinander entfernt sein. Diese Phase der extrem raschen Expansion wird als „inflationäres Universum“ oder einfach „Inflation“ bezeichnet - die Grundlage der ‚Inflationstheorie’. Oberhummer: „Durch die Inflationstheorie lassen sich mehrere Beobachtungen von grundlegenden Eigenschaften unseres Universums erklären und einige kosmologische Probleme mit einem Schlag lösen..“


   
   
   

Die lästige Grenze der Lichtgeschwindigkeit

Natürlich: Um dem lästigen Postulat der Nichtüberschreitbarkeit der Lichtgeschwindigkeit zu entkommen und dennoch die großen Ausdehnungen erklären zu können, die gemäß der vorausgesetzten Grundannahme „urplötzlich“ stattgefunden haben müssen, kann man auch gleich den ganzen Raum selbst ausdehnen. Nur muß man dann allerdings auch die in ihm befindlichen und von ihm durchdrungenen Objekte mit ausdehnen, wodurch dann eben relativ nichts gewonnen wäre - es sei denn, man würde an der Außenkante der Objekte eine aristotelische Zwiebelschalengrenze postulieren, womit man aber ansich wieder in die Zeit vor Ptolemäus zurückginge. Unser Autor stellt aber auch eine alternative Erklärung vor, die nur bis Newtons Pantokrator zurückgeht:

Interessanter wird es bei der Kombination der religiösen Erklärung mit der Hypothese des Multiversums…. Versuchen wir einmal, die religiöse Erklärung mit der ‚Theorie für Alles’ zu vereinigen. Nun, das ist einfach: Unser Universum wurde vom Schöpfer eben so angelegt, daß darin zielgerichtet Leben existieren kann Einem allmächtigen Schöpfer ist es wohl angepaßter, den großen Wurf des Multiversums zu machen, als die verschiedenen Parameter eines einzigen Universums in mühsamer Detailarbeit genau abzustimmen… Die Inflationstheorie ist jedenfalls der geniale Schachzug schlechthin, um Leben in den Kosmos einzupflanzen.

Dese Erklärungsmethode ist schließlich sehr etabliert, da man sich mit ihr sogar auf Newton berufen kann, der ebenfalls immer zu Gott Zuflucht nahm, wenn er etwas nicht anders begründen konnte. Aber schon Leibniz bemerkte dazu:

Newton und seine Anhänger haben von Gottes Werk eine recht merkwürdige Meinung. Gottes Maschine ist ihrer Meinung nach sogar so unvollkommen, daß er gezwungen ist, sie von Zeit zu Zeit durch einen außergewöhnlichen Eingriff zu reinigen und sogar zu reparieren, so wie ein Uhrmacher sein Werk repariert, der ja ein um so ungeschickterer Handwerker ist, je öfter er gezwungen ist, sein Werk in Ordnung zu bringen und zu reparieren..

Doch Newton kann keineswegs als inzwischen überholt gelten, weil er ja schließlich ein berühmter Physiker war. So kann unser Autor - der, wie wir uns erinnern, ja alle Religionen überwunden zu haben glaubte, nicht aber offenbar Gott selbst, sofern der sich in den Dienst der "Wissenschaft" stellen läßt - schließlich triumphieren: „Die Naturwissenschaften sind offensichtlich auch den letzten Fragen des Seins auf der Spur.“

Aber vielleicht sind diese sehr konstruiert wirkenden Erklärungsversuche - wenn auch symptomatisch - nur nicht besonders glücklich. Es geht hier grundsätzlich um das Problem, daß die sog. ‚kosmische Hintergrundstrahlung’, die man auf den Urknall zurückführt, praktisch aus allen Richtungen des Weltraums kommt und dabei auch nahezu die gleiche Temperatur hat, während es doch eigentlich um Herkunftsbereiche geht, die sich mit Licht- oder sogar „Überlicht“-Geschwin­dig­keit voneinander entfernen. Das heißt, daß diese Bereiche außerhalb ihres sog. ‚Ereignishorizontes’ liegen, was bedeutet, daß sie zumindest beim Urknall noch keine kausale Verbindung haben und sich somit auch nicht auf einen thermischen Gleichgewichtszustand einstellen konnten. Gemäß der Inflationstheorie soll sich aber der gesamte Bereich des heute sichtbaren Universums zum Zeitpunkt des Urknalls in einem „winzigen Raumelement“ (offenbar eine Adaption an Newtons „Ätherpixel“!) befunden haben und sich danach - gemäß anderer Autoren - in einem Zeitintervall von wenigen Sekunden nach dem Urknall mit „vielfacher Überlichtgeschwindigkeit“ exponentiell ausgedehnt haben. Damit wird es möglich, anzunehmen, daß sich alles zuvor innerhalb eines Ereignishorizontes befunden hat und sich somit aufeinander einstellen konnte, daß sich aber danach eben urplötzlich alles ausgedehnt hat, wobei aber innerhalb dieses Ausdehnungsprozesses alles „eingefroren“ wurde und uns somit heute aus allen Bereichen gleichzeitig und gleichmäßig erreichen kann.

Wir wollen die darin liegenden logischen Widersprüche nicht weiter kommentieren. Es zeigt zumindest die Ratlosigkeit der heutigen Astronomie. Ein anderer Punkt, der zu solchen Theorien führt und stets erwähnt wird, weil er nach Erklärung verlangt, ist immerhin noch bemerkenswert: Es geht um die bereits erwähnte ‚kosmologische Feinabstimmung’, der gemäß alle infragestehenden Meßwerte sich ursprünglich nur in einem winzigen Bereich befunden haben konnten, der die Weiterentwicklung des Universums ermöglichte. Wäre die „Dichte beim Urknall“ auch nur einen winzigen Bruchteil größer oder kleiner als die kritische Dichte gewesen, wäre das Universum - wie man meint - sofort danach wieder kollabiert oder es hätte sich so schnell ausgedehnt, daß keine Galaxien hätten entstehen können. Da es aber gemäß dem gängigen Urknall-Modell für diese Feinabstimmung keine Erklärung gab, meinte man sie nun eben dadurch ermöglichen zu können, daß sich das Universum sofort danach urplötzlich aufgebläht hat. Dann waren danach eben die Galaxien an jenem Platz, an dem zu befinden sie ohne diese Voraussetzung undenkbar waren. Es ist aber unerfindlich, was man damit gewonnen hat. Wir wissen ohnehin nicht, wie groß unsere räumlichen und zeitlichen Dimensionen wirklich sind, da alles aufeinander bezogen ist, sodaß wir theoretisch - wie Einstein bereits feststellte - mit unserem Raum-Zeit-Kontinuum durch eine Wäschemangel gedreht werden könnten, ohne es zu merken. Wenn also der Raum sich plötzlich ausdehnt, bleiben die selbst raumdurchdrungenen Objekte im Raum davon nicht unberührt und wachsen entsprechend mit, und alles bleibt beim alten. Diese Theorie eignet sich somit höchstens für Doktorarbeiten und Nobelpreise und bleibt ansonsten noch bei dem alten Vorstellungsmodell. Sie ist aber eng verbunden mit einer anderen Theorie, nämlich der ‚Viele-Wel­ten-Theorie’:

Die Inflation… ist der Grund dafür, daß es im Universum geknallt hat. Unter dem ‚Knall’ versteht man das Freisetzen der Energie… Außerdem war die Inflation der Auslöser für die anschließende, bis heute andauernde Ausdehnung des Kosmos… Wir können sagen, daß die Theorie der Inflation eine unserer leistungsfähigsten Erklärungsansätze für unseren Kosmos darstellt… Es gibt dann beliebig viele weitere Urknalle, die in der Entstehung von verschiedenen, unendlich vielen Universen münden. Wenn das so ist, ist unser Universum nur eines von unendlich vielen, die als Blasen im Urchaos entstanden sind und immer weiter entstehen. Man kann sich das Ganze wie einen sich rasch ausdehnenden Ozean voller Seifenblasen vorstellen, in dem immer wieder neue Blasen aus Seifenschaum gebildet werden. Dieses Modell, in dem jede dieser Blasen einem eigenen Universum  entspricht, nennt man die Multiversum-Hypothese… Die Möglichkeit nur eines einzigen Universums könnte man mit einer Maßschneiderei vergleichen, in welcher einem der Anzug auf den Leib geschneidert wird. Das Multiversum hingegen gleicht einem Großkaufhaus, in welchem man Anzüge von der Stange kauft. Wenn das Kaufhaus ein riesiges Lager hat, würden wir uns nicht wundern, daß wir dann einen Anzug finden, der uns paßt… Auch viele Dinge in unserem Universum sind Produkte des Zufalls, wie z.B. die genauen Eigenschaften der Planeten in unserem Sonnensystem oder die Energiezustände eines Elektrons im Atom…


   
   
   

Die Grenzen der Wissenschaft

Ob Pantokrator oder der nicht weniger allmächtige „Zufall“: Was hat das alles noch mit exakter Wissenschaft zu tun? Diese sollte sich ansich nur mit Dingen befassen, die von jedem jederzeit beobachtet und bestätigt werden können. Doch daran mangelt es hier ganz fundamental. Da ist es demgegenüber kein größeres Wagnis, wenn man eine andere Theorie dagegenstellt, die zwar auch nicht beweisbar ist, aber doch die größere Plausibilität für sich hat. Statt von einer unendlichen Zahl von Paralleluniversen auszugehen, die alle mit gleicher Berechtigung neben dem unserigen existieren, doch leider u.a. den Nachteil haben, daß sie für die Entstehung von Leben ungeeignet sind, liegt es näher, nur von einem einzigen, nämlich unserem, auszugehen, das jedoch alle notwendigen Bedingungen erfüllt, um so entstehen und existieren zu können, wie es für uns nötig ist. Dieses ‚Für uns’ klingt allerdings sehr anthropozentrisch, und das ist auch unabdingbar für ein Universum, das sich nach den Gesetzen der Denknotwendigkeit bis zu seiner höchsten Vollendung im Geiste der höchsten Monaden entwickelt hat. Wenn wir dagegen weiterhin von einem objektiven Universum ausgehen, müssen wir uns - wie schon früher erörtert - fragen, wie sich darin alles mit einer derartigen Feinabstimmung ganz genau so fügen konnte, wie es nicht nur für die Entstehung des Universums überhaupt, sondern auch darin lebender Organismen und für unsere menschliche Psyche und Erlebnisfähigkeit nötig war. Unser Autor beschreibt das Problem:

Würden sich manche Naturkonstanten nur minimal von ihrem Wert in unserem Universum unterscheiden, wäre ein totes und steriles Universum ohne Leben entstanden. Dieser Zusammenhang wird von den Naturwissenschaftlern als ‚Kosmologische Feinabstimmung’ und von den Philosophen als ‚Anthropisches Prinzip’ bezeichnet und gehört für die Theologen in das Gebiet von ‚Intelligent Design’. Unter dem ‚Anthropischen Prinzip’ versteht man kurz gefaßt, daß das Universum, das wir beobachten, für die Entwicklung intelligenten Lebens geeignet sein muß, da wir anderenfalls nicht hier sein, es beobachten und physikalisch beschreiben könnten. Mit ‚Intelligent Design’ meint man die Anschauung, daß bestimmte Merkmale des Universums und des Lebens nur durch eine übernatürliche Ursache erklärt werden können… Wäre die Stärke der Kernkraft nur um ein halbes % schwächer als in unserem Universum, würde die Häufigkeit von Kohlenstoff im Universum um ein Hundertstel bis ein Tausendstel des tatsächlichen Wertes geringer sein. .. Als wir in den Computersimulationen die Entstehung des Kohlenstoffs in Roten Riesensternen die ersten paar Mal berechneten, bin ich regelrecht erschrocken. Falls der Wert für die Stärke der Kernkraft nicht ganz genau in die Simulation eingegeben war, wurde darin praktisch kein Kohlenstoff oder Sauerstoff in den Roten Riesensternen produziert. In die Realität übersetzt heißt das, daß im gesamten Universum die Bausteine des Lebens, nämlich Kohlen- oder Sauerstoff, in weitaus geringerem Maße vorhanden wären, wenn die Stärke der Kernkraft nur ein bißchen anders wäre. Damit wäre auch kohlenstoffbasiertes Leben in unserem Universum extrem unwahrscheinlich, wenn nicht sogar unmöglich. Nur der Kohlenstoff hat nämlich die notwendigen chemischen Eigenschaften zur Bildung der komplexen und sich selbst organisierenden Moleküle, die für das Leben notwendig sind.. Für eine um mehr als ein halbes % stärkere oder schwächere Kernkraft wäre kohlenstoffbasiertes Leben extrem unwahrscheinlich… Interessanterweise würde sich die Häufigkeit aller anderen Elemente abgesehen von Kohlen- und Sauerstoff kaum ändern, wenn die Stärke der Kernkraft in der Prozentgegend unterschiedlich von den Werten in unserem Universum sein würde. Es ist schon komisch, daß ausgerechnet die beiden wichtigsten Elemente für das Leben eine solche Empfindlichkeit gegenüber dieser Variation zeigen, während die Häufigkeiten aller anderen Elemente sich kaum verändern würde. Die Feinabstimmung des Tripel-Alpha-Prozesses ist erstaunlich…. Manche der numerischen Feinabstimmungen und Koinzidenzen sind viel zu ausgeklügelt, als daß sie noch mit unserem Sinn für ‚Natürlichkeit’ in Einklang gebracht werden können. Daher fragen sich viele, ob hinter dieser Feinabstimmung nicht doch mehr steckt…

"... sich selbst organisierender Moleküle..." Ja, das Prinzip der Selbstorganisation ist in der Systemtheorie allerdings bereits sehr bekannt (siehe Jantsch u.a.) - warum sollte man es demnach nicht auch in das frühere Stadium verlegt denken, das erst zur Entstehung der Elemente führte? In den üblichen positivistischen Theorien werden offenbar alle nicht ins Bild passenden Argumente ausgeklammert. So haben unsere Astronomen für viele Probleme zwar eine zunächst einleuchtende Erklärung, die allerdings bei näherer Betrachtung so wenig überzeugt, daß man sich kaum denken kann, daß ihnen das nicht selbst schon aufgefallen ist (was aber wie viele andere nicht ins Bild passende Überlegungen öffentlich vielleicht deshalb nicht gerne eingeräumt wird, weil es die institutionalisierte Naturwissenschaft untergräbt). Das gilt auch für den paradoxen Ausdehnungszustand des Universums, demzufolge sich gem. der ‚Hubble-Expansion’ ausgerechnet alles von unserem zentralen Ort auszudehnen scheint, obwohl das der Annahme widerspricht, daß es keinen zentralen Ort im Universum gibt. Die Astronomen bemühen dafür gerne das Bild eines Luftballons, den man aufbläst: Ist es nicht dabei auch so, daß auf dessen Oberfläche alle Punkte voneinander fortstreben, und ergibt sich dabei nicht für jeden Oberflächenpunkt genau das Bild, das wir auch selbst wahrnehmen, ohne daß diesem Punkt dabei eine Sonderrolle zukommt? Es wäre allerdings schön, wenn wir uns das wirklich auch für ein räumliches Modell vorstellen könnten, denn dann dehnte sich eben überall gleichzeitig der Raum so aus, wie das in dem Luftballon-Gleichnis nur auf dessen Oberfläche geschieht. Die sog. ‚Rotverschiebung‘ an den Grenzen des sichtbaren Bereiches zeigt dann an, daß dort die Sterne aus der Sicht des jeweiligen Beobachtungsortes eine solche Fluchtgeschwindigkeit erreichen, daß sie an dieser Grenze nur das von dort aus sichtbare Spektrum verlassen, während sie ggf. durchaus noch jenseits dieser Grenze weiterhin existieren, denn nur so läßt sich der Gedanke einer Nicht-Zentralität aufrechterhalten. Der Haken an diesem Vergleich liegt nur in dem Umstand, daß zwar alle Punkte auf der Oberfläche eines derartigen Luftballons mit - objektiv (also nicht hinsichtlich eines darin befindlichen Beobachtungsortes, denn in Bezug auf diesen wächst die Ausdehnungsgeschwindigkeit gleichzeitig mit wachsender Entfernung) - gleicher Geschwindigkeit voneinander fortstreben, daß das aber nicht gleichermaßen auch für alle Raumpunkte in seinem Inneren gilt, denn dort wird auch das objektive Ausdehnungstempo um so geringer, je näher wir uns dem Mittelpunkt des Ballons nähern; umgekehrt steigt es mit wachsender Entfernung vom Zentrum. Der Zustand des Weltraumes, den wir von unserer Erde aus wahrnehmen, ist aber dadurch gekennzeichnet, daß es in keiner Richtung abweichende Ausdehnungsgeschwindigkeiten gibt, was im übrigen auch der Annahme widerspräche, daß es im Weltraum wirklich keinen bevorzugten Ort gäbe, da es nämlich hieße, daß diese Ausdehnung von einem bestimmten objektiven Ort aus erfolgte. Eine in einer Richtung abweichende Geschwin­digkeit müßte nämlich auch bereits dem bloßen Auge dramatisch sichtbar sein, da dorthin keine relativistische Ausblendung durch Rotverschiebung und insofern eine Verdichtung der Sternenmasse bis hin zur vollständigen und lückenlosen Konzentration erfolgte.

Das bedeutet umgekehrt, daß die Erreichung einer die Ausblendung bewirkenden Geschwindigkeit (= Lichtgeschwindigkeit) in jeder Richtung unabdingbar ist! So ist unser Standort nicht mit der Oberfläche, sondern in Wirklichkeit nur mit dem Mittelpunkt des Ballons vergleichbar. Mit anderen Worten: das Ballonbeispiel führt uns gerade zu der gleichen Annahme zurück, die damit ja vermieden werden sollte. Um diesem Dilemma zu entgehen, kam Einstein zu der Theorie der Raumkrümmung, die aber wiederum mit der Analogie der Erdoberfläche arbeiten muß, mithin in unzulässiger Weise ein Flächenmodell in ein Raummodell überträgt. Man müßte dazu der Oberfläche des Ballons eine so gewaltige Dicke geben, daß darin das gesamte von uns aus sichtbare Universum unterzubringen ist. Doch selbst diese kaum noch zumutbare Annahme erklärt im Grunde nicht sehr viel, denn sie geht zum einen weiterhin von einem endlosen Weltraum aus, in dem sich lediglich der bestirnte Himmel ausdehnt (es ist jedenfalls nicht zu ersehen, wie diese Annahme dadurch widerlegt wird, obwohl sie größte Denkprobleme bereitet, denn wir müssen uns nach wie vor die Frage stellen, was sich denn außerhalb und innerhalb der bestirnten Raumkugel befindet), und es muß logischerweise zum anderen dennoch einen zentralen Ort geben, von dem aus sich alles ausdehnt und der somit auch alle anderen Orte in Bezug auf sich selbst relativiert, was der ersten Grundannahme widerspricht. Es gibt also kein sinnvolles Denkmodell, das uns den von uns wahrgenommenen Zustand des Universums erklärt - jedenfalls nicht, solange wir bei der Vorstellung eines objektiv gegebenen Universums bleiben. Um es demnach ganz deutlich zu sagen: die von uns aus beobachtete Hubble-Expansion führt uns bei logischer Betrachtung nicht nur in das vorkopernikanische Weltmodell zurück, legt also nicht nur nahe, daß eigentlich unsere Erde das Zentrum der Welt ist, sondern sie bedeutet gemäß der darin liegenden logischen Konsequenz zudem, daß selbst mit noch so unendlich präzisen Meßinstrumenten keine noch so winzige Abweichung hinsichtlich eines objektiv in dieser Erde befindlichen Fluchtzentrums zu errechnen wäre, ob unser Observatorium nun in Europa oder Australien läge, was wiederum nichts anderes bedeutet, als daß das Zentrum immer dort liegt, wo der Beobachter steht!!! Beide Beobachter könnten sich zwar, wie es in unserer Praxis geschieht, darüber verständigen, daß sie das gleiche sähen, aber sie sehen - und das bedenken sie dabei nicht - tatsächlich nicht dasselbe! Das spricht nicht gerade für ein konkretes Universum - denn das ist damit wohl klar geworden: der jeweilige Beobachter ist eben die Leibnizsche Monade.


 

 

Der Urknall als Projektionsphänomen

Das Urknall-Modell hat in leichtfertiger Weise unsere heutigen Vorstellungen in eine frühe Phase zurückverlegt, in der alles erst sehr diffus angelegt war. Das, was wir uns heute unter dem Urknall vorstellen, ist demnach wie schon erwähnt eigentlich nichts anderes als ein bloßes Projektionsphänomen (so auch die sog. kosmische Hintergrundstrahlung, auf deren Beobachtung außer auf dem scheinbaren Auseinanderdriften des Universums die Theorie beruht.) So klärt sich unser Dilemma in der Weise, daß der ursprünglich eine Punkt, in den in unserem Film-Gedanken­experiment alles wieder zusammenfällt, identisch ist mit den ursprünglich vielen Punkten der erwähnten Zitate (dieser paradoxe Widerspruch zwischen dem Einen und dem Vielen hat die vor-aufklärerischen Philosophen sehr beschäftigt) - insofern nämlich, daß wiederum das Projektionszentrum der jeweilige Beobachter ist, in den - bzw. in dessen (unendlich vorinkarnatorisches!) Unterbewußtsein sich alles zusammenzieht, bis jede individuelle Unterschiedlichkeit und damit Verschiedenheit der Punkte sich in dem Plotinschen All-Einen auflöst.

Kants größtes Erstaunen galt ja dem "bestirnten Himmel über mir und dem moralischen Gesetz in mir". Wie wir jetzt immer mehr zu ahnen beginnen, scheinen das aber tatsächlich zwei keineswegs so völlig unvergleichbare Phänomene zu sein - und eigentlich erklärt sich daraus auch jener merkwürdige Instinkt, mit dem er ausgerechnet diese beiden Dinge miteinander verglich, denn was sind unsere bewußten Gedanken anderes als Eingaben des Göttlichen? Wie anders können wir es sehen, wenn wir erkennen, daß die persönlichen Visionen aller intelligenten Wesen gemäß einer Variante der „prästabilisierten Harmonie“ über das kollektive Unbewußte so haargenau miteinander korreliert sind, daß wir gemeinsam der Illusion eines außerhalb unseres Geistes existierenden Universums erliegen? In welchem Verhältnis stehen wir dazu, und welche Bedeutung haben diese Dinge für unsere irdische Wirklichkeit? Vielleicht kann uns dabei ein Vergleich weiterhelfen: In seinen letzten Jahren ließ Michelangelo viele seiner Statuen unvollendet, weil er der Sicherheit seiner Hand nicht mehr traute und wußte, daß der geringste Fehler die ganze vorausgehende Arbeit und den kostbaren Marmorblock zunichte machen konnte. So ließ er vieles unvollendet stehen und meinte, daß das Unvollendete vollkommener sei als das Fertige, die Idee größer als die endgültige Ausführung. In diesem gleichen Verhältnis stehen die Archetypen einerseits und unsere Wirklichkeit bzw. die persönlichen Assoziationen des Einzelnen andererseits - die ja eben auch eine deutliche Funktion seiner Ethik (des moralischen Gesetzes in ihm) sind. In den Archetypen ist die Wirklichkeit bereits keimhaft angelegt - auf der Stufe einer höheren Wirklichkeit, die aber einerrealen Manifestation bedarf, um sich ihrer selbst vollends bewußt zu werden. Wir können uns so das Universum vielleicht schichtweise (mit fließenden Übergängen) vorstellen, wobei jede Schicht ihre eigene archetypische Unterschicht hat und nach unten fortlaufend immer diffuser und allgemeiner wird - zwar weiser, aber auch weniger konkret und existent - bis hin zum Kern, aus dem sich das Universum jenseits von Zeit und Raum ständig aus sich selbst erschafft. Unsere physikalische Welt, in der wir scheinbar keinen Gott erkennen, ist somit nur eine Illusion, die von dem göttlichen Geist erschaffen wird, der sie gewissermaßen durch unsere eigenen Augen nach ‚draußen‘ projiziert.

Um noch einmal darauf zurückzukommen: Einstein ging davon aus, das Raum-Zeit-Kontinu­um sei in sich gekrümmt, so daß man eines Tages, wenn man sich in einem Raumschiff ewig geradeaus durch das Universum bewegt, wieder an seinem Ausgangsort eintreffen muß. So ergab es sich jedenfalls aus seinen Berechnungen, doch vorstellen konnte er sich das selbst auch nicht. Das folgt zumindest aus den wenig anschaulichen Denkmodellen, die er dazu vortrug. Wenn wir inzwischen die Physiker fragen, was sich denn hinter dem oder innerhalb des gekrümmten Raumgebildes befindet, da es ja doch eigentlich undenkbar ist, daß der Raum irgendwo aufhört, so bekommt man die etwas verärgerte Antwort, solche Fragen besäßen eben keinen Sinn. Bertrand Russell hat sich aber auch dazu geäußert:

Diese Krümmung des Universums im Großen ist etwa der Krümmung einer Kugel im gewöhnlichen Raum vergleichbar; aber wir wollen dieses Bild eines gekrümmten Universums... nicht weiter ausführen, indem wir die Krümmung des Raum-Zeit-Kontinuums im Großen mit der Erdkrümmung vergleichen, weil das leicht irreführend werden könnte... Die wichtigste Folge dieser globalen Krümmung ist es, daß in einigen dieser Modelle die Spektren entfernter Objekte zum Rot verschoben sind. Es ist weitgehend Geschmacksache, ob diese Rotverschiebung einer Fluchtbewegung oder der Krümmung des Raum-Zeit-Kontinuums zugeschrieben wird. Dieser Effekt tritt in der einen oder anderen Form in Erscheinung, je nachdem, welches Koordinatensystem man zur Beschreibung des Universums benutzt... Die Weltmodelle, die wir betrachtet haben, stimmen mehr oder weniger genau mit Beobachtungen über die globalen Eigenschaften unseres eigenen Universums überein. Es gibt andere, die ebenso mit Einsteins Gesetz und mit der Annahme der Gleichförmigkeit vereinbar sind, in denen jedoch statt einer Rotverschiebung eine Blauverschiebung, die einer Kontraktion des Universums entspricht, auftritt. Die Existenz solcher Modelle ist kein Grund dafür, Einsteins Theorie abzulehnen. Sie zeigt nur, daß die Theorie nicht vollständig ist - eine zusätzliche Annahme wird benötigt, um die unerwünschten Modelle auszuschließen. Verschiedene Annahmen sind vorgeschlagen worden, aber eine völlig befriedigende hat man bisher nicht gefunden.

Doch haben uns unsere bisherigen Betrachtungen vielleicht der Lösung etwas näher gebracht: innerhalb eines objektiv gegebenen Universums ist ein solches Modell allerdings nicht vorstellbar zu machen, eher aber, wenn man sich eine „raumlose Kugel“ vorstellt. Damit aber kommt das kosmische Bewußtsein ins Spiel, denn diese Kugel ist nicht physischer, sondern geistiger Natur. Im Mittelpunkt dieser Kugel befindet sich die ewige zeitlose Urquelle des Universums, aus der in einem Selbstreflexionsakt alles hervorgegangen ist, und die sich bis zu ihren Rändern zu immer höheren evolutionär entstandenen Manifestationen und Bewußtseinsformen entwickelt, wie wir es bereits (in dem Essay 'Die kosmische Geistkugel') erörtert haben. Dabei bilden sich die Subjekt-Objekt-Gegensätze immer klarer heraus, zugleich die Dimensionen der Zeit und des Raumes als Bewußtseinskategorien, und innerhalb der „Monaden“ das, was wir im Sinne des Buddhismus als Ich-Illusion bezeichnen können. So wäre die äußerste Schale dieser Kugel endlich das von uns (als den höchsten uns bekannten Monaden) erkannte und jedem Individuum einzeln erscheinende Universum - in der Art vieler Einzelfilme, die über die tieferen Schichten des kollektiven Unbewußten korreliert sind. Wenn wir nun in einem ersten Versuch, uns der Sache vorstellungsmäßig zu nähern, dieses kugelartige Gebilde mit unserem Erdglobus vergleichen und auf diesen einen Stechzirkel mit der einen Nadel bei Bern einstechen und mit dem freien Schenkel einen Kreis in etwa der Größe des während des frühen Mittelalters bekannten Abendlandes umschreiben, so wäre Bern unser Beobachtungsort und etwa Lissabon die Grenze des sichtbaren Universums. Nach dieser Annahme (die für die „Möblierung“ mit Sternen des im übrigen unendlichen Weltalls gilt) wäre dahinter nichts mehr, und wenn es uns möglich wäre, bis dorthin zu gelangen, so würden wir auf einem dortigen Planeten einen merkwürdigen Sternenhimmel sehen, der höchstens zur Hälfte ‚bestirnt‘ wäre, während die andere Hälfte absolut finster wäre. Das ergibt sich aus der gängigen Sicht, obwohl diese wie gesagt mit der ebenso gängigen Aussage, daß es keinen bevorzugten Ort im Universum gibt, nicht in Deckung zu bringen ist. Ebensowenig kann mansich übrigens die Tatsache erklären, daß, wie sich aus Berechnungen ergibt, etwa 90 % der Masse des Universums zu fehlen scheinen, was man u.a. mit der Theorie einer ‚dunklen Materie‘ zu erklären versucht hat.


   
   
   

Wo ist das Ende?

Ein Freund Platons, Archytas von Tarent, brachte das Beispiel eines Speerwerfers, mit dem er zu beweisen suchte, daß das Universum unbegrenzt sein müsse: wenn dieser sich an den Rand des Universums begäbe und seinen Speer über diesen hinaus werfe, so gelange dieser an einen Punkt, an den sich sodann der Werfer weiterbegeben könne, um dann aufs Neue seinen Speer zu werfen und so fort: „Mit jedem Wurf wird das Universum größer. Daraus schließen wir, daß das Universum keinen Rand haben kann und daher unendlich sein muß.“ Ein großer Nachteil der Beschäftigung mit Mathematik ist aber der, daß man offenbar im Laufe der Zeit dazu neigt, sie für identisch mit der Realität zu halten, und darüber vergißt, daß sie nicht mehr als ein nur bedingt anwendbares Denkwerkzeug ist. So entwickelten die Mathematiker alle möglichen Theorien, in denen sie mit zwölf Dimensionen, gekrümmten Räumen und dergleichen operierten, die aber völlig unanschaulich waren. Ein fundamentales Prinzip des Universums scheint aber die Tatsache zu sein, daß alles anschaulich ist oder es irgendwie sein müßte - und zwar ganz einfach aus definitorischem Grunde - nämlich wegen der erwähnten Denknotwendigkeit der von uns erlebten Welt, soweit wir dabei unseren bisherigen Überlegungen folgen. Wenn irgendwo etwas nicht mehr anschaulich ist, dann müßte uns das demnach eigentlich darauf verweisen, daß an der Theorie etwas nicht stimmt. Das heißt, der Raum ist so, wie er uns erscheint (denn mit Kant ist er in unserem Geist „a priori" gegeben, was nichts anderes heißt, als daß er eine Bedingung der Erkenntnis selbst ist). Das muß uns allerdings nicht hindern, ihm beliebig viele Dimensionen zuzuweisen, wenn die Rechnung das erfordert; doch darf das nichts an seinem Sosein ändern, denn der Raum ist eine Funktion des Bewußtseins. Aus gleichem Grund werden auch alle Theorien letztlich an ihrer Ästhetik gemessen, denn auch die Wissenschaftler, sofern sie diesen Namen verdienen, sind Menschen und als solche identisch mit dem Puls des Universums, das heißt eben doch irgendwie religiös insofern, als sie im Grunde davon überzeugt sind, daß alles im Universum auf einen tieferen Sinn hinausläuft.

So wollen wir uns Archytas oder analog zu unserem Globusbeispiel dem Kolumbus anschließen und gemäß der schon angedeuteten Weise vermuten, daß die Welt an der von uns aus sichtbaren Grenze keineswegs zu Ende ist, sondern daß sich auch hier ein ganz ähnlicher Sternenhimmel ergibt, den wir zuvor nur nicht gesehen haben, weil sich ihr Bild von unserem Beobachtungsort aus ausblendete. Nun schlagen wir aber in unserem Gedankenbild von Lissabon aus nochmals den Zirkel und kommen nach Amerika (d.h. an einen Ort im Weltraum, den wir von unseren hiesigen Observatorien nicht mehr sehen können, denn die reichen ja in diesem Sinn nur bis Lissabon), wo wir wieder einen kompletten Sternenhimmel sehen und so fort. Und so kommen wir tatsächlich zu einem Bild des Kosmos, dessen Raum zugleich unendlich und endlich ist (und in dem physikalische Größenverhältnisse ohnehin unrelevant sind, da es sich bei allem nur um geistige Projektionen handelt), denn wir können mit unserem Stechzirkel schließlich wieder am Ausgangsort ankommen, wobei wir die Größe unseres Globus‘ an sich beliebig, aber endlich wählen - etwa so, daß er alle noch fehlende Sternenmasse beinhaltet.

Der Haken dabei ist nur, daß das innerhalb eines objektiv gegebenen Universums nicht möglich ist, sondern davon ausgeht, daß stets der Beobachter das Zentrum bildet. Das kennen wir bereits aus dem mikrokosmischen Bereich der Quantenphysik, und eigentlich ist es nur folgerichtig, daß das auch für den makrokosmischen Bereich gelten muß. Der Beobachter bildet demnach auch im Universum stets das Zentrum, welches mit ihm beliebig wandert, während sich immer die Sterne am Rande seines Horizontes durch die ‚Rotverschiebung' ausblenden und dabei auch wirklich in einen minder-realen Zustand, also in den Zustand einer Eventual- oder sogar Irrealwelt übergehen. Da aber viele Beobachter an verschiedenen Orten ‚zugleich‘ eben dieses Bild haben und sich in diesem Sinne verständigen können, wird niemand von ihnen jemals einen schwarzen Himmel sehen, und alle werden meinen, das Universum sei grenzenlos: jetzt haben wir also doch den Raum gekrümmt, keineswegs im räumlichen Sinn, aber dennoch auf eine Weise, die bei einigem Nachdenken durchaus anschaulich zu machen ist. Wir sollten uns also niemals mit der Antwort zufriedengeben, daß irgendwelche Fragen keinen Sinn ergäben: vielleicht haben wir nur die Frage falsch gestellt. Unser Blick in den Weltraum hatte uns veranschaulicht, daß es keine Konkretheit ohne das Bewußtsein des Betrachters gibt (was sich eben auch aus den Quantenphänomenen ergibt). Mit anderen Worten, erst der Blick eines - vermutlich über unendlich viele Inkarnationen hochgesteigerten - Betrachters konkretisiert das Universum gemäß seinem Bewußtseinsstand. - "Ich kann mir nicht denken, daß eine Maus das Universum verändert, dadurch, daß sie es betrachtet", hatte allerdings noch Einstein seinen Kollegen entgegengehalten, die das durchaus meinten. Doch lieferte er damit bereits ein Rückzugsgefecht, denn es sieht in der Tat so aus, und damit wäre eine Maus zwar noch lange kein Mensch (da sie sich höchstens für Käse interessiert und das Universum keines Blickes würdigt), aber doch schon sehr viel mehr als der beste Computer jemals sein wird, bei dem es sich nur um ein totes Werkzeug handelt, das selbst (!!!) überhaupt nichts erkennen kann (noch nicht einmal Käse), da ihm die Subjektkomponente dazu fehlt.

Wenn wir die Dinge so sehen und damit letztlich die geistige Natur des Universums akzeptieren, scheinen sich plötzlich viele in der Kosmologie noch ungelöste Fragen einzurenken. So etwa die Probleme, die J. Trefil in seinem Buch „Fünf Gründe, warum es die Welt nicht geben kann“ darstellt. Unter anderem schreibt er:

Die Hauptschwierigkeit, die Evolution des Universums zu beschreiben, hat mit folgender Tatsache zu tun: Besteht der gesamte Kosmos aus normaler Materie, können sich die Galaxien erst recht spät gebildet haben, nämlich erst, nachdem sich das Universum bis zu einem Punkt abgekühlt hat, wo Atome existieren können und sich die Strahlung von der Materie entkoppelt. Zu diesem Zeitpunkt hätte aber die Hubble-Expansion die Materie schon so verdünnt, daß die Schwerkraft nicht ausreichte, um Materieklumpen zusammenzuziehen, bevor alles außer Reichweite geriete... Zwischen der Entkoppelung und dem Moment, von dem an Materie zu dünn verteilt ist, liegt nur ein enges ‚Zeitfenster‘. Ein akzeptabler Mechanismus für die Galaxienbildung muß daher schnell genug funktionieren, um in diesen kurzen Zeitraum zu passen... Wenn die Materie zur Zeit der Bildung von Atomen schon zusammengeballt war, müßten heute Spuren dieser Zusammenballung in der kosmischen Hintergrundstrahlung vorhanden sein. Die beobachtete Gleichmäßigkeit des Mikrowellenhintergrunds deutet aber darauf hin, daß die Strahlung niemals so große Dichteunterschiede aufgewiesen haben kann... Es gilt als erwiesen, daß es unmöglich ist, diese beiden widersprüchlichen Erfordernisse in Einklang zu bringen... Dieses Für und Wider der Argumente zeigt recht deutlich, daß wir ein Universum voller Galaxien nicht als selbstverständlich betrachten können... Wir wissen, daß Galaxien sich niemals bilden können, wenn sie auf die Entkoppelung der Materie von der Strahlung warten müssen. Der Gravitationskollaps, den eine gleichmäßige Materieverteilung hervorruft, ist zu langsam, um der Hubble-Expansion entgegenzuwirken. Daraus folgt, daß aus der Entkoppelung Galaxien hervorgegangen sein müssen, die bereits weitgehend vollständig waren. Sie brauchten nicht vorgeformt gewesen zu sein, doch muß das Universum zumindest ,Keime‘ zu irgendeiner Art von Massenkonzentration gehabt haben, die den Prozeß des Gravitationskollapses auslösen konnten. Diese Konzentrationen wirkten wie die Staubpartikel, um die sich in der Atmosphäre Regentropfen bilden - sie wären also die Kondensationskerne für die Galaxien.


   
   
   

Alles nur Zufall?

Was immer also da auch abgelaufen sein mag: es hat alles ganz genauso geklappt, wie es klappen mußte - und das trotz scheinbar widersprüchlicher Ausgangsbedingungen, die wir aus unserer heutigen Sicht kaum noch rekonstruieren können. Es scheint eigentlich unmöglich, daß dieser Prozeß rein zufällig abgelaufen ist und daß er sich innerhalb der Kategorien vollzog, die für unsere heutige manifeste Wirklichkeit gelten. Völlig anders stellt sich die Situation allerdings dar, wenn wir davon ausgehen, daß dieser Prozeß sich selbst gesteuert hat und dabei in zunehmendem Maße eine eigene Bewußtheit entwickelte, die sich nach ihren eigenen Kategorien und Gesetzmäßigkeiten erschuf - damit Erkennbarkeit möglich werde! So steigerten sich die Dinge aus einem ursprünglich sehr diffus angelegten und sich selbst denkenden Ablauf immer höher, indem sie sich selbst erkannten und an eben diesen Erkenntniskategorien am eigenen Schopfe aus dem Nichts zogen, während wir heute mit unseren hochmanifesten Bewußtseinskategorien darauf fixiert sind, hier ‚harte‘ Gesetze der ‚Physik‘ zu erkennen. Wir sollten aber besser in den Upanishaden nachlesen, um den Dingen näherzukommen.

Besonders sollte es uns aber zufriedenstellen, daß auf diese Weise das schreckliche Raum-Zeit-Paradoxon eine Erklärung findet, das sich in folgender Frage ausdrückt: wo hört der Raum (bzw. die Zeit) auf? Er kann ja eigentlich nirgendwo aufhören, da immer noch etwas dahinter kommen muß. Andererseits ist es genauso undenkbar, daß er ewig weitergehen soll, denn irgendwo muß ja eigentlich jede Sache einmal ein Ende haben. Jetzt können wir aber wirklich sagen: da das Raum-Zeit-Kontinuum erst durch das erkennende Bewußtsein konstituiert wird, hört es genau dort auf, wo sich das (kosmische bzw. hinsichtlich des so wichtigen Beobachters auch individuelle) Bewußtsein ausblendet. Es gibt nichts dahinter, denn es gibt keine Welt außerhalb des Geistes. Wohin wir sehen bzw. denken, da ist etwas in dem Sinne, in dem wir das tun, und nicht anders. Man könnte nun noch fragen, wie es möglich sei, daß wir dennoch ganz körperlich in dieses (für die uns zukömmliche Weise) so konkrete Universum etwa mit Raumschiffen hinausfahren können, da ja nach dieser Annahme die fernen Planeten sicher noch nicht so konkret sind wie die nahen - von entfernten Welten ganz zu schwei­gen: Wir können uns das so beantworten, daß wir permanent mit unseren Beobachtungsakten alles erst im Sinne unseres Erkennens aus dem kollektiven Unbewußten hervorholen[11] - einschließlich der ‚harten‘ Materie, wie die Quantenprozesse zeigen - und daß uns dabei ein ganzes Arsenal psychosomatischer Täuschungen ein evolutionär entstandenes Konkretheitserlebnis liefert. Es gibt - besonders infolge von Gehirnerkrankungen - zahlreiche sensorische Verschiebungen oder Ausfälle (sog. Skotome), die alle darauf hinweisen, daß erst unser Gehirn bzw. Bewußtsein die von uns erlebte Wirklichkeit so aufbaut, wie sie uns erscheint. Normalerweise geschieht das aber schon im Kleinkindalter (siehe Jean Piaget: ‚Der Aufbau der Wirklichkeit beim Kinde‘). Oliver Sacks schrieb dazu: „Die Wahrnehmung verarbeitet nicht nur passiv Sinnesreize, sondern sie schafft aktiv ganzheitliche Gestalten, die den gesamten Wahrnehmungsbereich strukturieren.“ Es erscheint insofern keineswegs zufällig, daß sich unser Sternenhimmel durch die ebensowenig zufällig richtige Lichtgeschwindigkeit an eben der Grenze ausblendet, die für unser Bewußtsein notwendig ist, indem sie uns einen Sternenhimmel bietet, der unserer Anschaulichkeit entspricht (was gemäß dem sog. ‚Olberssche Paradoxon’ eigentlich unmöglich ist, da sich ansich zwischen jeden Sternenlichtpunkt noch ein anderer kleinerer und weiter entfernter dazwischenschieben müßte, sodaß wir dann eben nur einen einzigen strahlendhellen ‚Nachthimmel’ sähen, der uns aber nicht gut bekommen würde). Ansich ist es ja auch völlig gleichgültig, ob die Dinge von ‚außen‘ oder von ‚innen‘ an uns herangetragen werden: von irgendwoher müssen die Informationen, die die Quantenprozesse zu hochmanifesten Dingen verfestigen, aber kommen, doch sind es eben wirklich nur Informationen und keine Materiebrocken und dergleichen, bei denen wir uns allerdings kaum vorstellen könnten, wie sie aus unserem Kopf kämen. Daß wir unseren Fuß auf solch einen Planeten setzen könnten, liegt an der elektromag­netischen Kraft, die verhindert, daß die Atome unseres Fußes und der Materie des fremden Planeten sich gegenseitig durchdringen, doch sollte es uns nach unseren auch diesbezüglichen Erörterungen nicht schwerfallen, diese Kraft ebenfalls als ein geistiges Phänomen zu entlarven. Vielleicht - wir können ja nichts mehr ausschließen - wird es eines Tages gelingen, die wirklich allerkleinsten Materiebausteine zu entdecken, doch dann sollten wir uns auch nicht mehr darüber wundern, wenn sie nicht nur zufällig einigen uns bereits bekannten Galaxien ähneln, sondern mit ihnen sogar identisch sind. Denn dann haben wir nur einen Weg gefunden, sie von der anderen Seite des Universums zu erblicken. Vermutlich wird aber auch das keine neue Phase der Philosophie, sondern nur eine völlig neue Phase der Raumfahrt einleiten. Denn eines ist immerhin sicher: die Menschen werden nicht klüger - und gerade diejenigen, die in stiller Wut alle gegenteiligen Überzeugungen in den Bereich der 'Unwissenschaftlichkeit' verweisen möchten, folgen damit i.a. nur dem gerade offiziellen Aberglauben.


[1] Heinz Oberhummer: Kann das alles Zufall sein? Salzburg 2008.
[2] So wörtlich bereits in der Einleitung des Buches.
[3] Max Jammer: Der Begriff der Masse.
[4] Immer wenn ich im folgenden keine besondere Quellenangabe mache, beziehe ich mich auf das Buch von Oberhummer.
[5] Alle Zitate von Bertrand Russell aus: „Die Entwicklung meines Denkens“ und „Das ABC der Relativitätstheorie.“
[6] Wenn wir das nämlich so annehmen und damit die durch die sog. „Rotverschiebung“ erfolgende Ausblendung zu einem bloß relativistischen Phänomen erklären, erscheint die Relativitätstheorie als der letzte Strohhalm zur Rettung des positivistischen Weltbildes. Allerdings ist auch dagegen einzuwenden, daß ein ‚Inertialsystem‘ (Bezugssystem in der Relativitätstheorie) keineswegs nur durch seinen Bewegungszustand, sondern wie in der Quantenphysik eigentlich nur durch seinen Beobachtungsort definiert sein kann.
[7] Max Jammer: „Die Richtung des Zeitflusses dachte man sich durch die kausale Verknüpfung der Erscheinungen bestimmt. Dann war der Raum nur die Ordnung gleichzeitiger Gegebenheiten.“
[8] Während durch ‚Konkretisierung’ lediglich eine ansich bereits manifeste Sache nur genauer ins Auge gefaßt wird, soll mein Begriff ‚Konkretionierung’ einen Vorgang bezeichnen, bei dem eine zuvor nicht-konkrete Sache erst grundsätzlich manifestiert wird. (Beide Vorgänge lassen sich übrigens  - wenn auch nur modellhaft - unter ‚Google-Earth’ beobachten oder auch beim Aufruf von Computerprogrammen, die zuvor nur in digitaler Form existierten.) Es handelt sich also nicht nur um einen bloßen Kognitionsvorgang, der innerhalb des Subjekts ablaufend gedacht werden kann, sondern um einen Entstehungsprozeß als Folge einer Subjekt-Objekt-Rückkoppelung. In beiden Fällen geht es darum, eine zuvor diffuse Sache durch einen Beobachtervorgang ins praktische Blickfeld zu holen und dadurch zu verdinglichen - im ersteren Fall durch Focussierung des Objekts und im zweiteren Fall durch Subjektivierung des Objekts.
[9] gigni = hervorbringen / divinitus = durch göttliche Eingebung.
[10] Max Jammer sagt dazu in seinem Buch ‚Das Problem des Raumes’: Im Laufe des 19. Jhdts. wurde eine Unzahl von Versuchen unternommen, um den Beweis zu führen, daß der Naturraum nur drei Dimensionen besitzt.. Bolzano versuchte die Annahme einer Dreidimensionalität des Raumes als notwendige Voraussetzung für die Übereinstimmung zwischen den Bewußtseinsinhalten und der Kausalverknüpfung in der äußeren Objektwelt zu erweisen... Die gegenseitige Kausalverknüpfung physikalischer Prozesse verlangt die Dreidimensionalität… Es gibt noch weitere zahlreiche ‚Beweise’ der Dreidimensionalität des Raumes - wie z.B. den von Hegel .. Es ist indes eigentümlich, daß der Gedanke einer vierten (Raum-)Dimension in Spiritistenkreisen begeisterte Aufnahme fand.. (Man wollte damit u.a. sog. ‚Apporte’ erklären.) H. Gassmann sagte bereits 1844: „Es ist klar, daß der Begriff des Raumes keineswegs durch das Denken erzeugt werden kann, sondern demselben stets als ein Gegebenes gegenübertritt.“
[11] Ein modernes Beispiel dafür liefert ‚Google-Earth’, wo auch nur das, was der Benutzer jeweils fokussiert, aus einem zuvor nur in duffus diegitalisierter Form vorliegenden Zustand in den - wenn auch auf dem Computer noch nicht endgültigen - Zustand manifester Konkreteion erhoben wird. Dabei ist aber in unserer Realität jeweils offenbar nur das aufrufbar, was der jeweiligen seelischen Qualität entspricht, denn wie gesagt wird eine Kuh nicht nur deshalb keine Sterne sehen, weil sie sich nicht dafür interessiert, sondern weil es ihr auch noch nicht entspricht, diese zu manifestieren.
 
 
Main page Contacts Search Contacts Search