Das Universum

   
   
   

Wo ist das Ende?

Ein Freund Platons, Archytas von Tarent, brachte das Beispiel eines Speerwerfers, mit dem er zu beweisen suchte, daß das Universum unbegrenzt sein müsse: wenn dieser sich an den Rand des Universums begäbe und seinen Speer über diesen hinaus werfe, so gelange dieser an einen Punkt, an den sich sodann der Werfer weiterbegeben könne, um dann aufs Neue seinen Speer zu werfen und so fort: „Mit jedem Wurf wird das Universum größer. Daraus schließen wir, daß das Universum keinen Rand haben kann und daher unendlich sein muß.“ Ein großer Nachteil der Beschäftigung mit Mathematik ist aber der, daß man offenbar im Laufe der Zeit dazu neigt, sie für identisch mit der Realität zu halten, und darüber vergißt, daß sie nicht mehr als ein nur bedingt anwendbares Denkwerkzeug ist. So entwickelten die Mathematiker alle möglichen Theorien, in denen sie mit zwölf Dimensionen, gekrümmten Räumen und dergleichen operierten, die aber völlig unanschaulich waren. Ein fundamentales Prinzip des Universums scheint aber die Tatsache zu sein, daß alles anschaulich ist oder es irgendwie sein müßte - und zwar ganz einfach aus definitorischem Grunde - nämlich wegen der erwähnten Denknotwendigkeit der von uns erlebten Welt, soweit wir dabei unseren bisherigen Überlegungen folgen. Wenn irgendwo etwas nicht mehr anschaulich ist, dann müßte uns das demnach eigentlich darauf verweisen, daß an der Theorie etwas nicht stimmt. Das heißt, der Raum ist so, wie er uns erscheint (denn mit Kant ist er in unserem Geist „a priori" gegeben, was nichts anderes heißt, als daß er eine Bedingung der Erkenntnis selbst ist). Das muß uns allerdings nicht hindern, ihm beliebig viele Dimensionen zuzuweisen, wenn die Rechnung das erfordert; doch darf das nichts an seinem Sosein ändern, denn der Raum ist eine Funktion des Bewußtseins. Aus gleichem Grund werden auch alle Theorien letztlich an ihrer Ästhetik gemessen, denn auch die Wissenschaftler, sofern sie diesen Namen verdienen, sind Menschen und als solche identisch mit dem Puls des Universums, das heißt eben doch irgendwie religiös insofern, als sie im Grunde davon überzeugt sind, daß alles im Universum auf einen tieferen Sinn hinausläuft.

So wollen wir uns Archytas oder analog zu unserem Globusbeispiel dem Kolumbus anschließen und gemäß der schon angedeuteten Weise vermuten, daß die Welt an der von uns aus sichtbaren Grenze keineswegs zu Ende ist, sondern daß sich auch hier ein ganz ähnlicher Sternenhimmel ergibt, den wir zuvor nur nicht gesehen haben, weil sich ihr Bild von unserem Beobachtungsort aus ausblendete. Nun schlagen wir aber in unserem Gedankenbild von Lissabon aus nochmals den Zirkel und kommen nach Amerika (d.h. an einen Ort im Weltraum, den wir von unseren hiesigen Observatorien nicht mehr sehen können, denn die reichen ja in diesem Sinn nur bis Lissabon), wo wir wieder einen kompletten Sternenhimmel sehen und so fort. Und so kommen wir tatsächlich zu einem Bild des Kosmos, dessen Raum zugleich unendlich und endlich ist (und in dem physikalische Größenverhältnisse ohnehin unrelevant sind, da es sich bei allem nur um geistige Projektionen handelt), denn wir können mit unserem Stechzirkel schließlich wieder am Ausgangsort ankommen, wobei wir die Größe unseres Globus‘ an sich beliebig, aber endlich wählen - etwa so, daß er alle noch fehlende Sternenmasse beinhaltet.

Der Haken dabei ist nur, daß das innerhalb eines objektiv gegebenen Universums nicht möglich ist, sondern davon ausgeht, daß stets der Beobachter das Zentrum bildet. Das kennen wir bereits aus dem mikrokosmischen Bereich der Quantenphysik, und eigentlich ist es nur folgerichtig, daß das auch für den makrokosmischen Bereich gelten muß. Der Beobachter bildet demnach auch im Universum stets das Zentrum, welches mit ihm beliebig wandert, während sich immer die Sterne am Rande seines Horizontes durch die ‚Rotverschiebung' ausblenden und dabei auch wirklich in einen minder-realen Zustand, also in den Zustand einer Eventual- oder sogar Irrealwelt übergehen. Da aber viele Beobachter an verschiedenen Orten ‚zugleich‘ eben dieses Bild haben und sich in diesem Sinne verständigen können, wird niemand von ihnen jemals einen schwarzen Himmel sehen, und alle werden meinen, das Universum sei grenzenlos: jetzt haben wir also doch den Raum gekrümmt, keineswegs im räumlichen Sinn, aber dennoch auf eine Weise, die bei einigem Nachdenken durchaus anschaulich zu machen ist. Wir sollten uns also niemals mit der Antwort zufriedengeben, daß irgendwelche Fragen keinen Sinn ergäben: vielleicht haben wir nur die Frage falsch gestellt. Unser Blick in den Weltraum hatte uns veranschaulicht, daß es keine Konkretheit ohne das Bewußtsein des Betrachters gibt (was sich eben auch aus den Quantenphänomenen ergibt). Mit anderen Worten, erst der Blick eines - vermutlich über unendlich viele Inkarnationen hochgesteigerten - Betrachters konkretisiert das Universum gemäß seinem Bewußtseinsstand. - "Ich kann mir nicht denken, daß eine Maus das Universum verändert, dadurch, daß sie es betrachtet", hatte allerdings noch Einstein seinen Kollegen entgegengehalten, die das durchaus meinten. Doch lieferte er damit bereits ein Rückzugsgefecht, denn es sieht in der Tat so aus, und damit wäre eine Maus zwar noch lange kein Mensch (da sie sich höchstens für Käse interessiert und das Universum keines Blickes würdigt), aber doch schon sehr viel mehr als der beste Computer jemals sein wird, bei dem es sich nur um ein totes Werkzeug handelt, das selbst (!!!) überhaupt nichts erkennen kann (noch nicht einmal Käse), da ihm die Subjektkomponente dazu fehlt.

Wenn wir die Dinge so sehen und damit letztlich die geistige Natur des Universums akzeptieren, scheinen sich plötzlich viele in der Kosmologie noch ungelöste Fragen einzurenken. So etwa die Probleme, die J. Trefil in seinem Buch „Fünf Gründe, warum es die Welt nicht geben kann“ darstellt. Unter anderem schreibt er:

Die Hauptschwierigkeit, die Evolution des Universums zu beschreiben, hat mit folgender Tatsache zu tun: Besteht der gesamte Kosmos aus normaler Materie, können sich die Galaxien erst recht spät gebildet haben, nämlich erst, nachdem sich das Universum bis zu einem Punkt abgekühlt hat, wo Atome existieren können und sich die Strahlung von der Materie entkoppelt. Zu diesem Zeitpunkt hätte aber die Hubble-Expansion die Materie schon so verdünnt, daß die Schwerkraft nicht ausreichte, um Materieklumpen zusammenzuziehen, bevor alles außer Reichweite geriete... Zwischen der Entkoppelung und dem Moment, von dem an Materie zu dünn verteilt ist, liegt nur ein enges ‚Zeitfenster‘. Ein akzeptabler Mechanismus für die Galaxienbildung muß daher schnell genug funktionieren, um in diesen kurzen Zeitraum zu passen... Wenn die Materie zur Zeit der Bildung von Atomen schon zusammengeballt war, müßten heute Spuren dieser Zusammenballung in der kosmischen Hintergrundstrahlung vorhanden sein. Die beobachtete Gleichmäßigkeit des Mikrowellenhintergrunds deutet aber darauf hin, daß die Strahlung niemals so große Dichteunterschiede aufgewiesen haben kann... Es gilt als erwiesen, daß es unmöglich ist, diese beiden widersprüchlichen Erfordernisse in Einklang zu bringen... Dieses Für und Wider der Argumente zeigt recht deutlich, daß wir ein Universum voller Galaxien nicht als selbstverständlich betrachten können... Wir wissen, daß Galaxien sich niemals bilden können, wenn sie auf die Entkoppelung der Materie von der Strahlung warten müssen. Der Gravitationskollaps, den eine gleichmäßige Materieverteilung hervorruft, ist zu langsam, um der Hubble-Expansion entgegenzuwirken. Daraus folgt, daß aus der Entkoppelung Galaxien hervorgegangen sein müssen, die bereits weitgehend vollständig waren. Sie brauchten nicht vorgeformt gewesen zu sein, doch muß das Universum zumindest ,Keime‘ zu irgendeiner Art von Massenkonzentration gehabt haben, die den Prozeß des Gravitationskollapses auslösen konnten. Diese Konzentrationen wirkten wie die Staubpartikel, um die sich in der Atmosphäre Regentropfen bilden - sie wären also die Kondensationskerne für die Galaxien.

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