Das Universum

 

 

Der Urknall als Projektionsphänomen

Das Urknall-Modell hat in leichtfertiger Weise unsere heutigen Vorstellungen in eine frühe Phase zurückverlegt, in der alles erst sehr diffus angelegt war. Das, was wir uns heute unter dem Urknall vorstellen, ist demnach wie schon erwähnt eigentlich nichts anderes als ein bloßes Projektionsphänomen (so auch die sog. kosmische Hintergrundstrahlung, auf deren Beobachtung außer auf dem scheinbaren Auseinanderdriften des Universums die Theorie beruht.) So klärt sich unser Dilemma in der Weise, daß der ursprünglich eine Punkt, in den in unserem Film-Gedanken­experiment alles wieder zusammenfällt, identisch ist mit den ursprünglich vielen Punkten der erwähnten Zitate (dieser paradoxe Widerspruch zwischen dem Einen und dem Vielen hat die vor-aufklärerischen Philosophen sehr beschäftigt) - insofern nämlich, daß wiederum das Projektionszentrum der jeweilige Beobachter ist, in den - bzw. in dessen (unendlich vorinkarnatorisches!) Unterbewußtsein sich alles zusammenzieht, bis jede individuelle Unterschiedlichkeit und damit Verschiedenheit der Punkte sich in dem Plotinschen All-Einen auflöst.

Kants größtes Erstaunen galt ja dem "bestirnten Himmel über mir und dem moralischen Gesetz in mir". Wie wir jetzt immer mehr zu ahnen beginnen, scheinen das aber tatsächlich zwei keineswegs so völlig unvergleichbare Phänomene zu sein - und eigentlich erklärt sich daraus auch jener merkwürdige Instinkt, mit dem er ausgerechnet diese beiden Dinge miteinander verglich, denn was sind unsere bewußten Gedanken anderes als Eingaben des Göttlichen? Wie anders können wir es sehen, wenn wir erkennen, daß die persönlichen Visionen aller intelligenten Wesen gemäß einer Variante der „prästabilisierten Harmonie“ über das kollektive Unbewußte so haargenau miteinander korreliert sind, daß wir gemeinsam der Illusion eines außerhalb unseres Geistes existierenden Universums erliegen? In welchem Verhältnis stehen wir dazu, und welche Bedeutung haben diese Dinge für unsere irdische Wirklichkeit? Vielleicht kann uns dabei ein Vergleich weiterhelfen: In seinen letzten Jahren ließ Michelangelo viele seiner Statuen unvollendet, weil er der Sicherheit seiner Hand nicht mehr traute und wußte, daß der geringste Fehler die ganze vorausgehende Arbeit und den kostbaren Marmorblock zunichte machen konnte. So ließ er vieles unvollendet stehen und meinte, daß das Unvollendete vollkommener sei als das Fertige, die Idee größer als die endgültige Ausführung. In diesem gleichen Verhältnis stehen die Archetypen einerseits und unsere Wirklichkeit bzw. die persönlichen Assoziationen des Einzelnen andererseits - die ja eben auch eine deutliche Funktion seiner Ethik (des moralischen Gesetzes in ihm) sind. In den Archetypen ist die Wirklichkeit bereits keimhaft angelegt - auf der Stufe einer höheren Wirklichkeit, die aber einerrealen Manifestation bedarf, um sich ihrer selbst vollends bewußt zu werden. Wir können uns so das Universum vielleicht schichtweise (mit fließenden Übergängen) vorstellen, wobei jede Schicht ihre eigene archetypische Unterschicht hat und nach unten fortlaufend immer diffuser und allgemeiner wird - zwar weiser, aber auch weniger konkret und existent - bis hin zum Kern, aus dem sich das Universum jenseits von Zeit und Raum ständig aus sich selbst erschafft. Unsere physikalische Welt, in der wir scheinbar keinen Gott erkennen, ist somit nur eine Illusion, die von dem göttlichen Geist erschaffen wird, der sie gewissermaßen durch unsere eigenen Augen nach ‚draußen‘ projiziert.

Um noch einmal darauf zurückzukommen: Einstein ging davon aus, das Raum-Zeit-Kontinu­um sei in sich gekrümmt, so daß man eines Tages, wenn man sich in einem Raumschiff ewig geradeaus durch das Universum bewegt, wieder an seinem Ausgangsort eintreffen muß. So ergab es sich jedenfalls aus seinen Berechnungen, doch vorstellen konnte er sich das selbst auch nicht. Das folgt zumindest aus den wenig anschaulichen Denkmodellen, die er dazu vortrug. Wenn wir inzwischen die Physiker fragen, was sich denn hinter dem oder innerhalb des gekrümmten Raumgebildes befindet, da es ja doch eigentlich undenkbar ist, daß der Raum irgendwo aufhört, so bekommt man die etwas verärgerte Antwort, solche Fragen besäßen eben keinen Sinn. Bertrand Russell hat sich aber auch dazu geäußert:

Diese Krümmung des Universums im Großen ist etwa der Krümmung einer Kugel im gewöhnlichen Raum vergleichbar; aber wir wollen dieses Bild eines gekrümmten Universums... nicht weiter ausführen, indem wir die Krümmung des Raum-Zeit-Kontinuums im Großen mit der Erdkrümmung vergleichen, weil das leicht irreführend werden könnte... Die wichtigste Folge dieser globalen Krümmung ist es, daß in einigen dieser Modelle die Spektren entfernter Objekte zum Rot verschoben sind. Es ist weitgehend Geschmacksache, ob diese Rotverschiebung einer Fluchtbewegung oder der Krümmung des Raum-Zeit-Kontinuums zugeschrieben wird. Dieser Effekt tritt in der einen oder anderen Form in Erscheinung, je nachdem, welches Koordinatensystem man zur Beschreibung des Universums benutzt... Die Weltmodelle, die wir betrachtet haben, stimmen mehr oder weniger genau mit Beobachtungen über die globalen Eigenschaften unseres eigenen Universums überein. Es gibt andere, die ebenso mit Einsteins Gesetz und mit der Annahme der Gleichförmigkeit vereinbar sind, in denen jedoch statt einer Rotverschiebung eine Blauverschiebung, die einer Kontraktion des Universums entspricht, auftritt. Die Existenz solcher Modelle ist kein Grund dafür, Einsteins Theorie abzulehnen. Sie zeigt nur, daß die Theorie nicht vollständig ist - eine zusätzliche Annahme wird benötigt, um die unerwünschten Modelle auszuschließen. Verschiedene Annahmen sind vorgeschlagen worden, aber eine völlig befriedigende hat man bisher nicht gefunden.

Doch haben uns unsere bisherigen Betrachtungen vielleicht der Lösung etwas näher gebracht: innerhalb eines objektiv gegebenen Universums ist ein solches Modell allerdings nicht vorstellbar zu machen, eher aber, wenn man sich eine „raumlose Kugel“ vorstellt. Damit aber kommt das kosmische Bewußtsein ins Spiel, denn diese Kugel ist nicht physischer, sondern geistiger Natur. Im Mittelpunkt dieser Kugel befindet sich die ewige zeitlose Urquelle des Universums, aus der in einem Selbstreflexionsakt alles hervorgegangen ist, und die sich bis zu ihren Rändern zu immer höheren evolutionär entstandenen Manifestationen und Bewußtseinsformen entwickelt, wie wir es bereits (in dem Essay 'Die kosmische Geistkugel') erörtert haben. Dabei bilden sich die Subjekt-Objekt-Gegensätze immer klarer heraus, zugleich die Dimensionen der Zeit und des Raumes als Bewußtseinskategorien, und innerhalb der „Monaden“ das, was wir im Sinne des Buddhismus als Ich-Illusion bezeichnen können. So wäre die äußerste Schale dieser Kugel endlich das von uns (als den höchsten uns bekannten Monaden) erkannte und jedem Individuum einzeln erscheinende Universum - in der Art vieler Einzelfilme, die über die tieferen Schichten des kollektiven Unbewußten korreliert sind. Wenn wir nun in einem ersten Versuch, uns der Sache vorstellungsmäßig zu nähern, dieses kugelartige Gebilde mit unserem Erdglobus vergleichen und auf diesen einen Stechzirkel mit der einen Nadel bei Bern einstechen und mit dem freien Schenkel einen Kreis in etwa der Größe des während des frühen Mittelalters bekannten Abendlandes umschreiben, so wäre Bern unser Beobachtungsort und etwa Lissabon die Grenze des sichtbaren Universums. Nach dieser Annahme (die für die „Möblierung“ mit Sternen des im übrigen unendlichen Weltalls gilt) wäre dahinter nichts mehr, und wenn es uns möglich wäre, bis dorthin zu gelangen, so würden wir auf einem dortigen Planeten einen merkwürdigen Sternenhimmel sehen, der höchstens zur Hälfte ‚bestirnt‘ wäre, während die andere Hälfte absolut finster wäre. Das ergibt sich aus der gängigen Sicht, obwohl diese wie gesagt mit der ebenso gängigen Aussage, daß es keinen bevorzugten Ort im Universum gibt, nicht in Deckung zu bringen ist. Ebensowenig kann mansich übrigens die Tatsache erklären, daß, wie sich aus Berechnungen ergibt, etwa 90 % der Masse des Universums zu fehlen scheinen, was man u.a. mit der Theorie einer ‚dunklen Materie‘ zu erklären versucht hat.

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