Das Universum

Universum X

 
   

Unsere Beziehung zum Sternenhimmel

Der Autor kommt auch auf den von uns aus sichtbaren nächtlichen Sternenhimmel zu sprechen[4]:

Nur weil sich die Erde mitten in der Milchstraße befindet, können wir den prachtvollen Sternenhimmel in der Nacht sehen…Auch die Lokale Gruppe, in der sich neben etwa 30 weiteren Galaxien unsere Milchstraße befindet, ist nur ein unwesentlicher Vorposten im Virgo-Haufen, der wiederum aus über tausend Galaxien besteht und dessen Zentrum rund 50 Mio Lichtjahre von uns entfernt ist. Neben dem Virgo-Haufen gibt es Hunderte Millionen weitere Galaxienhaufen in dem von uns sichtbaren Bereich des Universums. Der modernen Kosmologie und der Einsteinschen Relativitätstheorie zufolge läßt sich mit naturwissenschaftlichen Methoden ein absolutes Zentrum des unendlich ausgedehnten Universums dann auch gar nicht ermitteln…

Nach dieser Sicht muß der Mensch angesichts solcher Dimensionen völlig unbedeutsam erscheinen. Ganz anders sieht das aber aus, wenn wir den Menschen so in den Mittelpunkt stellen, wie es ihm aus seiner Sicht erscheint. Denn es muß noch einmal daran erinnert werden, daß wir eine von uns nicht erlebte und wahrgenommene Welt nicht kennen und daß demnach jede Veräußerung nur eine Abstraktion ist. Noch zu Leibniz’ Zeiten dachte man viel weniger positivistisch. Demnach könnte unser Blick in den Weltraum vielleicht nur jeweils unsere persönliche Emanation sein, die aber - gemäß C.G. Jung und den Upanischaden - über das kollektive Unbewußte mit den Emanationen anderer Seelen korreliert ist und im Nahbereich - analog 'Schrödingers Katze' - die uns geläufige physische Realität gewinnt, was jedoch nicht gleichermaßen für weiter entfernte Bereiche der Fall sein muß. So gesehen könnte einerseits die Zahl der Projektionen durchaus endlich sein, und andererseits wäre es höchst bedeutsam, was die Einzelseele ‚emaniert’ und auf welchem Niveau sie es tut. (Im Bewußtsein einer Kuh gibt es nicht nur deshalb kein Universum, weil sie es nicht reflektiert, sondern weil sie es auch gar nicht ‚emaniert’ - also durch Ausstülpung aus dem Brahman für ihren Part erschafft.) Deshalb bekommt hier nicht nur der einzelne Mensch, sondern auch seine jeweilige spirituelle Qualität eine hohe Bedeutung. Beides leugnet bekanntlich der Positivist, womit er sich nicht nur vom Universum, sondern auch von jeder irdischen Verantwortung freimacht - mit den bekannten Folgen. Mit derartigen Spekulationen begeben wir uns aber auf ein sehr unsicheres Terrain, denn selbst unter den Philosophen gibt es Positivisten, die ohne weiteres die übliche naturwissenschaftliche Sicht übernehmen. Ein entschiedener Vertreter des Positivismus, Bertrand Russell, hat jedenfalls alle Spekulationen der vorgenannten Art strikt abgelehnt:

Ich akzeptiere vorbehaltlos die Ergebnisse der modernen Astronomie und Geologie, die die Annahme nahelegen, daß sich psychisch-geistige Vorgänge nur in einem vergleichsweise winzigen Raum-Zeit-Abschnitt abgespielt haben und die ungeheuer langfristigen Entwicklungsprozesse der Milchstraßensysteme und Sterne nach Gesetzen ablaufen, in denen es keinen Platz für so etwas wie ‚Geist‘ oder ‚Bewußtsein‘ gibt.[5]

Das sind deutliche Worte. Andererseits sah er sich aber gezwungen, folgendes einzuräumen:

Unglücklicherweise finden wir in der theoretischen Physik heutzutage längst nicht mehr jene großartige dogmatische Klarheit, die von der Physik des 17.  Jahrhunderts scheinbar ein für allemal erreicht worden war... In klaren Nächten gibt es an jedem Ort der Atmosphäre ebenso viele verschiedene Ereignisse, wie es Sterne gibt, die auf einer von diesem Ort aus gemachten Aufnahme erscheinen, und jedes dieser Ereignisse muß durch eine Art von ‚persönlicher Geschichte‘ mit dem Stern verbunden sein, dem es von hier aus zuzuordnen ist...

Gemeint ist damit wohl die Tatsache, daß es eigentlich nicht denkbar ist, daß alle diese ‚Ereignisse’ aus einer einzigen raumzeitlichen Quelle, einer Art Ur-Ei, kommen, wie es zumindest einige Varianten der Urknall-Theorie voraussetzen. Damit sind wir aber letzten Endes wieder bei Leibniz‘ Monadenlehre: greifen wir einmal dieses von Russell gebrauchte Bild auf und versuchen wir uns vor Augen zu führen, zu welchen Konsequenzen es uns bezüglich unseres Sternenhimmels führen muß. Für die moderne Astronomie steht es fest, daß es im gesamten Universum keinen bevorzugten Ort gibt und daß sich demnach einem Beobachter von jedem seiner möglichen Standorte prinzipiell stets das gleiche Bild bieten muß. Das Universum hat also keinen Mittelpunkt oder zentralen Ort, von dem ausgehend es entstanden ist. Dennoch beobachten die Astronomen, daß sich die Sterne von u n s e r e m Beobachtungsort ausgehend auseinanderbewegen (sog. Hubble-Expansi­on)- und zwar mit wachsender Geschwindigkeit, die sich an unseren Beobachtungsgrenzen bereits der Lichtgeschwindigkeit nähert, was den Schluß nahelegt, daß sich das Universum stetig ausdehnt. Hierauf werden verschiedene Theorien gegründet, die sich auf die zukünftige Entwicklung des Universums beziehen - ob es etwa genügend Masse besitzt, so daß die Gravitationskräfte ausreichen, sein Auseinanderstreben irgendwann zu einem gerade noch rechtzeitigen Ende zu bringen, bevor es endgültig auseinanderdriftet usw. Doch muß uns unsere Gegenüberstellung eigentlich deutlich machen, daß es keinen denkbaren Konsens dieser beiden Grundannahmen geben kann - kein zentraler Ort, aber doch ein Auseinanderdriften von unserem zentralenOrt -: was kann das anderes heißen, als daß dieses Auseinanderdriften eigentlich von jedem Beobachtungsort aus stattfinden muß, und wie will man das mit der Annahme eines objektiven Universums in Einklang bringen? (Die Astronomen versuchen diesem Dilemma allerdings mit einem Ballonbeispiel zu begegnen. Darauf kommen wir noch an späterer Stelle zu sprechen.) [6]

Wäre es dagegen so, wie wir es oben angedeutet haben, dann könnten wir tatsächlich nicht mehr von einem konkreten Universum sprechen. Ein konkretes Universum entspricht allerdings unserer Annahme einer objektiv bestehenden Welt. Was aber heißt ‚konkret‘? Einem Philosophie-Lexikon (Kröner) können wir folgende Definition entnehmen: ‚Konkret‘ heißt das natürliche, sichtbar und greifbar Wirkliche, das sich zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort befindet. Diese Definition ist recht brauchbar und deckt sich mit dem, was wir üblicherweise darunter verstehen, indem es alle vier Dimensionen zusammenfaßt.[7] In diesem Sinne nehmen wir auch an, daß die Erscheinungen am nächtlichen Sternenhimmel durchaus sehr konkret sind, da sie uns wirklich und doch wohl auch außerhalb unseres Geistes existierende Himmelskörper zeigen. Doch gilt das eben nur für die einzelnen Sterne, nicht aber für das Gesamtbild des Sternenhimmels, nach dem wir hier fragen. Was dieses nämlich betrifft, so läßt sich darin die für die vorgenannte Definition der Konkretheit erforderliche Gleichzeitigkeit aller Teile des Gesamtbildes im objektiven Sinn nicht feststellen, denn das, was dabei gleichzeitig geschieht, ist nur das Eintreffen der Lichtstrahlen im Auge des Beobachters (!), während das uns erscheinende Bild des Sternenhimmels aus lauter völlig unterschiedlich weit entfernten Sternen besteht, deren Licht deshalb auch zu völlig unterschiedlichen Zeiten seine Wanderung zu uns begonnen hat. Wie sollen wir uns ein konkretes Objekt vorstellen, dessen Teile zwar sichtbar räumlich geordnet sind, jedoch nicht gleichzeitig existieren? Man muß daran erinnern, daß zumindest die frühe Philosophie Zeit und Raum völlig trennte und gar nicht an eine Verknüpfung dachte, sodaß der Raum ganz für sich existierte, während wir in unserem Sternenhimmel dessen ungeachtet zeitlich versetzte Objekte in ein einziges Raumbild zusammenbringen, was demnach ansich ausgeschlossen sein muß. Und schließlich muß das, was für die Dimensionen des Universums gilt, prinzipiell auch für unsere irdischen Dimensionen gelten, wenn wir es uns dort auch nicht so deutlich machen können und wenn es auch keinerlei Bedeutung für unsere erlebte Wirklichkeit hat. Mit anderen Worten: der Betrachter kommt im makroskopischen Bereich ebensosehr wie bereits anerkannterweise im mikroskopischen ins Spiel (und zwar als die notwendige Subjektkomponente, ohne die die konkretisierende - richtiger: konkretionierende! - Gleichzeitigkeit nicht denkbar ist.[8]). Das versetzt uns immerhin in die Lage, die beiden erwähnten und sich scheinbar widersprechenden Ausgangspositionen der Astronomie miteinander in Einklang zu bringen - allerdings um den Preis der endgültigen Verabschiedung von dem materialistischen Paradigma, wozu die wenigsten Astronomen bereit sind, die statt dessen lieber mit ihren Widersprüchen leben.

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[4] Immer wenn ich im folgenden keine besondere Quellenangabe mache, beziehe ich mich auf das Buch von Oberhummer.

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