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Das überholte Weltbild

 

Isaac Newton war gerade verstorben, als Voltaire ihn besuchen wollte. So konnte er nur noch seinem Begräbnis beiwohnen, dessen Pomp ihn allerdings sehr beeindruckte. Ob Newton die gleiche Wirkung auf ihn gehabt hätte, als er noch lebte, wissen wir nicht und hätte wohl vor allem davon abgehangen, wie sehr es ihm gelungen wäre, sein wahres Gesicht zu verschleiern - denn wie wir heute wissen, war er eher Alchemist als ein Naturwissenschaftler im Sinne derjenigen Idee, zu deren Etablierung vor allem eben Voltaire den ersten Anstoß gab und anderenfalls möglicherweise so rigoros nicht gegeben hätte. So sah er jedenfalls in Newton den Erneuerer schlecht­hin. Er benötigte eine Galionsfigur für seine Aufklärungsidee und gestaltete Newtons Angedenken in geradezu poetisch-selbstherrlicher Freiheit, die die Wirklichkeit ignorierte, weil er sie nicht kannte und weil sie ihn wohl auch nicht interessierte. 1738 veröffentlichte er gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Madame du Chatelet, einer noch vielseitiger als er selbst gebildeten Adeligen, die mit vielen Intellektuellen ihrer Zeit in regem Briefkontakt stand, die Elements de la philosophie de Newton. Die Zeit der Aufklärung, die damit eingeleitet wurde, war sowohl in politischer wie in religiöser, kultureller und allgemein geistiger Hinsicht gesellschaftlich überfällig. In der Philosophie des Mittelalters, die noch teilweise bis in die Vorzeit der Aufklärung, also die Zeit Newtons, nachwirkte, hatte die sog. Scholastik eine dominierende Stellung gehabt. Jede Form von Selberdenken galt als Ketzerei, und Widerspruch konnte auf dem Scheiterhaufen enden. Die Vernunft geriet dabei zu einer haarspalterischen Dialektik, also jener Kunst des richtigen, „wissenschaftlich korrekten" Diskutierens nach festen Regeln. Da diese geistige Entmündigung sich keineswegs nur auf gelehrte Dispute beschränkte, sondern alle Institutionen der Gesellschaft durchdrang, war eine Befreiung, wie sie die Aufklärung versprach, überfällig und führte im späten 18. Jahrhundert zur französischen Revolution.

Newtons Wirkung B

In geistiger Hinsicht ist für die Zeit der Revolution der sog. Kult des Höchsten Wesens von Interesse, mit dem eine neue Religion in bewußtem Gegensatz zu der bisher dominierenden christlichen institutionalisiert werden sollte. Bereits in der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte im August 1789 hieß es: „In Gegenwart und unter dem Schutze des allerhöchsten Wesens.“ Dieses Bekenntnis folgte aus dem antiklerikalen und besonders antikatholischen und wissenschaftsorientierten Geist der Aufklärung, der den Gottesbegriff, mit dem nach der Auffassung der Revolutionäre bis dahin durch die herrschenden Mächte zu viel Mißbrauch getrieben worden war, nicht mehr für zeitgemäß hielt. Der bald darauf maßgebliche Revolutionär und Tribun Maximilien de Robespierre bestand darauf, daß es sich dabei um eine neue Staatsreligion handelte, deren Kult in die Reihe der nationalen Feste aufgenommen werden sollte. Eine Präambel lautete: „Das französische Volk anerkennt die Existenz des höchsten Wesens und die Unsterblichkeit der Seele.“ Robespierre ernannte sich selbst zum Oberpriester dieser Religion, deren Kult 1794 mit einem Staatsakt feierlich eröffnet wurde. Der Kult des Höchsten Wesens war allerdings ein Kompromiß, denn zuvor hatte Robespierre den Kult der Vernunft zu institutionalisieren versucht, war dabei aber auf einen zu starken öffentlichen Widerstand gestoßen. Er hatte dabei seine eigene Glaubensüberzeugung, die er in dem Satz zusammenfaßte : „Wenn es Gott nicht gäbe, müßte man ihn erfinden.“ Das ließ sich einerseits ähnlich verstehen wie die spätere Parole kommunistischer Diktaturen: „Religion ist Opium für das Volk“, führte aber zu einer anderen Folgerung: Man sollte sie nicht verbieten, sondern für andere Zwecke benutzen. Er sah darin eine Möglichkeit, als das Höchste Wesen an die Stelle von Christus den Namen Newtons im Sinne der von Voltaire kreierten Interpretation zu setzen.

Robespierre konnte zwar seine neue Religion letztlich nicht in der Form durchsetzen, die ihm vorschwebte, aber die sog. ‚Säkularisierung’' ließ sich nicht mehr aufhalten. Der gleichzeitig erfolgende Aufstieg des Bürgertums führte zu einer Orientierung an anderen Normen und gesellschaftlichen Aufstiegsmöglichkeiten, als die sich die neue Wissenschaftsidee anbot. Das, was daraus entstand, läßt sich kritisch als Szientismus bezeichnen, also als die Auffassung, daß sich alle Lebensbereiche nach naturwissenschaftlichen Methoden betrachten und behandeln lassen und lassen sollten. Die Gesellschaft orientierte sich weiterhin - ganz so wie es auch Robespierre wollte - am Primat des Vernunft-Ge­dankens, doch ist dieser Begriff eben alles andere als eindeutig und kann sich auch leicht in das Gegenteil dessen verwandeln, was darunter ursprünglich verstanden wurde. Denn seiner Natur nach ist er auf praktisches Handeln gerichtet und orientiert sich somit an einer als gegeben unterstellten konkreten Außenwelt. Vernünftig handelt der, der sich in der gegebenen Welt richtig und möglichst zweckmäßig einrichtet. Damit verbunden ist der Begriff der Wirtschaftlichkeit. Letztlich ist demnach eine durch ein entsprechendes Paradigma gekennzeichnete Gesellschaft wirtschaftsorientiert. Eine Tätigkeit, die auf die Erkenntnis einer höheren Wirklichkeit gerichtet ist, ist nach dieser Maßgabe nur noch dann vernünftig, wenn sie sich für denjenigen, der sich damit befaßt, irgendwie rechnet. Aus dieser Perspektive betrachtet entzieht sich aber die höhere Wirklichkeit dem Blick. Da die Welt nun einmal sehr vielschichtig ist, ist eine solche Weltsicht als Universallogik eben nur noch in einem sehr vordergründigen Sinn vernünftig.

Damit war aber der Materialismus komplett, und seine neuen Hohepriester waren die Ingenieure, Laboranten und Technokraten. Das sie kennzeichnende technische Denken richtete sich auf Bereiche, die jenseits der Natur stehen. Hier vollendete sich der cartesianische Dualismus von Leib und Seele, denn die Seele trat ins Subjekt zurück und wurde unsichtbar, da das Subjekt nur noch als Beobachter der objektiven Welt fungierte, die absolut wurde, während sich das Subjekt relativierte. Dennoch wurde es als verallgemeinerter Mensch omnipotent, ein Herrscher über die nur noch als kausal betrachtete Welt der Dinge und der Tier-Dinge. Daß der Techniker eine derartig dominante gesellschaftliche Stellung bekam, hatte natürlich auch funktionale Gründe. Er wurde tatsächlich als genereller Problemlöser gebraucht, weil sich auch die bürgerliche Welt seiner Norm anpaßte. So entfaltete sich aus rückgekoppelter Notwendigkeit eine technisierte Welt, die sich immer mehr von jeder Natürlichkeit entfernte und in der der Ingenieur an die Stelle des Priesters oder Menschen trat. Die Welt wurde immer mehr so eingerichtet, daß sie für ihn machbar wurde. Der in ihr sich behauptende Mensch hatte zu funktionieren, aber er neigte zur Neurose. Das war ansich nicht vorgesehen und paßte auch nicht recht in das allgemeine Weltbild, denn man stellte sich jetzt ganz cartesianisch den Menschen wirklich als einen biologischen Roboter vor, dessen  elektrochemische Gehirntätigkeit als Nebenprodukt den Geist und das Bewußtsein entwickelte. Die Seele wurde geleugnet und die Kultur zu einem bloßen Surrogat bzw. Handelsgut. Nur noch die sog. ‚Deut­schen Idealisten’ mit ihrer Zentralgestalt Goethe versuchten sich diesem utilitaristischen Zeitgeist entgegenzustellen, wurden aber überhört oder mißverstanden, weil die neuen Anforderungen darüber hinweggingen. Diese erwuchsen vor allem als Folge des Fortschritts der Medizin und des Kunstdüngers aus der Bevölkerungsexplosion, deren Vater und gefeierter Held der Chemiker Justus von Liebig wurde, der aber angesichts der daraus erwachsenden Konsequenzen auch als Zauberlehrling erschien, der die Geister, die er rief, am Ende nicht mehr beherrschte. Das war es wohl, was seinen geradezu maßlosen Tiraden gegen die ‚Idealisten’ zugrundelag, denen er vorwarf, sich diesem janusgesichtigen Fortschritt entgegenzustellen.

Die ‚Idealisten’ erwiesen sich aber als Mahner vor dem neuen trojanischen Pferd, das deutliche Züge eines Esels hatte. Sie waren damit eine weitere Entsprechung des Laokoon-Motivs. Denn sie wurden von denen, die den neuen Zeitgeist auf ihrer Seite wußten, ignoriert oder lächerlich gemacht. Der neue Utilitarismus erschien als zwingende Notwendigkeit, und der damit einhergehende Materialismus wurde zum vorherrschenden Paradigma.

 

Der Essay in ausführlicherer Form:

 

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