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Kugel und Würfel: das runde und das eckige Prinzip

 

Rund Eckig

(Siehe dazu folgenden ausführlicheren Essay zum gleichen Thema:
Die geistig-runde und die materiell-rechtwinklige Welt.)

 

Es gibt ein qualitativ-geistig-horizontal-rundes Prinzip im Gegensatz zu einem quantitativ-materiell-verti­kal-qua­dratischen Prinzip. Die ganze Welt und alle uns begegnenden Erscheinungen lassen sich auf diese Weise gliedern. Das universale Raumkreuz mit den insgesamt sechs Exponenten und ihrem Schnittpunkt in der Weltmitte (siehe dazu unseren Essay 'Der archetypische Kugelwürfel') taucht in der Mythologie fast aller Naturvölker auf. Alle horizontalen Gesellschaften oder Kulturen entsprechen dabei dem Kreisprinzip. Die Indianer z. B. stellen sich ihre Welt in der Tat kreisförmig und durch die vier Himmelsrichtungen in vier Kreissektoren unterteilt vor, während in der Mitte dieses Kreises der Weltenbaum als Verbindung zwischen Unter- und Oberwelt steht, wobei sich Krone und Wurzelwerk nach außen wachsend in die kosmische Kugelform zurückbiegen, bis sie sich am äußeren Äquator bzw. dem äußeren Rand des Horizontalkreises wieder treffen. Die Kugel und die Kreisform sind der archetypische Bereich der horizontalen Kulturen. In allem, was etwa ein Indianer tut, finden wir die Form des Kreises wieder, denn die natürliche und ursprüngliche Kraft der Welt wirkt nach seiner Auffassung immer in Kreisen, und alles strebt danach, rund zu sein. Der Kreisform des indianischen Lebens steht dagegen die Rechteckform der weißen Zivilisation gegenüber. Immer wieder hören wir Äußerungen wie die des Häuptlings Hehaka Sapa:

Einst, als wir ein starkes und glückliches Volk waren, kam unsere ganze Kraft aus dem heiligen Ring unseres Volkes, und solange dieser Ring nicht zerbrochen war, ging es den Menschen gut. Der blühende Baum war der lebendige Mittelpunkt des Ringes, und der Kreis der vier Himmelsrichtungen nährte ihn... Die Häuser der Weißen dagegen sind viereckig. Es ist eine schlechte Art zu wohnen, denn in einem Viereck kann keine Kraft wirksam sein. Ein Indianer berücksichtigt in allem, was er unternimmt, die Kreisform… In den alten Tagen, als wir ein starkes und glückliches Volk waren, strömte uns alle Kraft aus dem heiligen Ring des Volkes zu. Solange der Ring des Volkes nicht zerbrochen war, gedieh das Volk. Der blühende Baum war die lebendige Mitte des Ringes, und der Kreis der vier Weltteile nährte ihn. Der Osten spendete Frieden und Licht, der Süden Wärme, der Westen Regen, und der Norden mit seiner Kälte und dem mächtigen Wind begabte mit Kraft und Ausdauer. Dieses Wissen samt unserer Religion kam zu uns aus der anderen Welt. Alles, was die Kraft der Welt tut, vollzieht sich in einem Kreis... Unsere Tipis waren rund wie Vogelnester, und sie wurden stets in einem Kreis angelegt, dem Ring des Volkes, einem Nest von vielen Nestern, wo der Große Geist wollte, daß wir unsere Kinder hegen. Aber die Weißen haben uns in diese viereckigen Kisten gebannt. Unsere Kraft ist vergangen, und wir liegen im Sterben, denn die Kraft wohnt nicht mehr in uns.

In allen Gesellschaften finden wir - intern - ebenfalls diese zwei grundsätzlich gegensätzlichen Ordnungsstrukturen, die die Beziehungen der Menschen untereinander und ihre jeweilige Stellung in der Gemeinschaft bestimmen: die horizontale und die vertikale Struktur, wobei erstere eben dem organisch-runden-qualitativ-geistigen und letztere dem anorganisch-rechteckigen-quantitativ-materiellen Prinzip entspricht. Horizontal ist etwa die Ordnung innerhalb einer Familie, vertikal ist eine Stände- oder Klassengesellschaft. Zwar gibt es auch innerhalb einer Familie eine vertikale Ordnung, aber die jeweilige Position muß immer moralisch gerechtfertigt werden; sie kann niemals erstarren, sonst verliert die Gemeinschaft ihren familiären Charakter. Die horizontale Gesellschaft ist in ihrer Mythologie und religiösen Thematik völkerüberschreitend in vieler Hinsicht auf eine kausal kaum zu begreifende Weise identisch: es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen. In der Mythologie der archaischen und schamanischen Völker tauchen tatsächlich immer wieder ganz bestimmte Themen auf, so daß der Schamanismus als übergreifendes Phänomen erscheint, was sich nicht nur durch kulturelle Anregung und Weitergabe erklären läßt, sondern auf gemeinsame tiefere Wurzeln im kollektiven Unbewußten hindeutet.

Diesem horizontalen Ordnungsprinzip steht die vertikale Struktur diametral gegenüber. In einer vertikalen Gesellschaft sind die Rangstufen streng festgelegt und generationsübergreifend gefestigt. Es gibt verschiedene Klassen und Schichten. Die qualitätsorientierte Beziehungs­struktur weicht in ihr einer quanti­tätsorientierten. Insofern auch hier Qualitäten eine Rolle spielen, werden sie immer in irgendeiner Weise in Quantitäten umgewandelt und dadurch usurpiert. Gewisse Qualitäten etwa kultureller Art werden allerdings durch eine solche Ordnung erst möglich, aber sie stehen dabei stets im Schatten quantitativer Bewertungen. In den vertikalen Gesellschaften treten immer die Vertreter der Macht, des Klerus oder des Adels, an die Stelle der Götter, wenn auch zunächst nur in deren Vertretung und unter Bezug auf diese. Der Übergang von der horizontalen zur vertikalen Struktur war ein Wechsel in eine andere Welt. Der damit verbundene Wechsel von der Naturreligion zur Kirchenreligion läßt sich sehr gut am Beispiel des Turmbaus zu Babylon veranschaulichen. Während der Mensch der Frühzeit seine Gottheiten auf der freien Erde, in Hainen oder Höhlen verehrte, steht jede höhere Staatenbildung zunächst mit der Errichtung von in die Höhe wachsenden Gebäuden - Tempelbauten - in Verbindung, in der die Menschen zunächst noch ihre Gottheiten verehrten. Das waren in einem frühen Stadium zwar noch die gleichen Götter, die sich aber dadurch bereits wandelten. In einem weiteren Schritt traten die Priester als Vermittler zwischen die Gemeinde und die Götter und nahmen in weiterer Folge, als sich diese Vermittlungsfunktion verselbständigte, immer mehr deren Stelle ein. Die Religion wurde dadurch zur Kirche, deren Macht sie zu einer Funk­tion der irdischen Welt machte. In dem Maße, in dem sich dieser Prozeß verabsolutierte, ersetzte die Kirche immer mehr die ursprüngliche Religion, so daß zwischen ihrer und der weltlichen Macht kaum noch zu unterscheiden war (was sich im Heiligen Römischen Reich z.B. im sog. Investiturstreit zeigte). Der letzte Akt der Verweltlichung vollzog sich durch den Verlust der Glaubwürdigkeit der in bloßem Formalismus erstarrten kirchlichen Institutionen. Alle diese Schritte sind aber bezeichnenderweise auch in architektonischer Hinsicht mit einer zunehmenden Betonung der Vertikalen verbunden - und zwar eben mit besonderer Betonung in den dogmatischsten Religionen, im Islam und im Christentum.

Die Bezeichnung „Manifestation des Bereiches der Vertikalachse“ ist dabei in mehrfacher Hinsicht treffend: im gleichen Maße, wie diese Achse sich in architektonischer Hinsicht manifestiert, tut das auch der transzendente Bereich, auf den sie sich bezieht. Dabei veräußerlicht sich das Religiöse allmählich immer mehr und wird somit zu einer Realität, die nur noch über die Priester erfahrbar ist. Die Priester wirken also nicht mehr nur als bloße Vermittler, sondern als unumgängliche Verbindungsglieder, deren Unumgänglichkeit sich schrittweise immer mehr verabsolutiert, bis die Gläubigen gar nicht mehr in der Lage sind, zwischen Religion und Kirche zu unterscheiden und geistig derartig unselbständig werden, daß sie sich nur noch auf Dogmen beziehen. Gerade dadurch werden sie aber eigentlich völlig unreligiös und materialistisch, wie die Praxis bestätigt. Damit vollzieht sich zugleich der Wandel in eine materialistische und vertikale Gesellschaft, während die Priesterschaft immer esoterischer wurde, je mehr sie sich bei ihrem Tempeldienst von der flachen Erde entfernte. Dort unten ging also die Gemeinde weiterhin ihren Alltagsgeschäften nach, die sie zunehmend bedeutungsmäßig von ihren religiö­sen Akten entfernten, während ursprünglich alle ihre Akte zugleich eine religiöse Bedeutung gehabt hatten und ihr ganzes Leben in die Religion eingebettet gewesen war. In Babylon war der eigentliche Tempel ein Hochtempel auf mehreren Terrassen, die stufenförmig aufeinander aufge­stockt waren, was sich so insgesamt auch in der baulichen Außenform ausdrückte. Der Tempel selbst bestand in der Regel aus einem langgestreckten Mittelsaal, an dessen einem Kopfende sich ein bühnenartiges Podium befand, während an der gegenüberliegenden Schmalseite ein gemauerter Block war, der vermutlich als Opfertisch oder Altar diente. Der Hauptzugang zum Tempel führte über eine breite Treppe an einer der beiden Breitseiten. Bezeichnenderweise wurde in diesen Tempelbauten die dreidimensionale Rechteck- oder Würfelstruktur betont, auf deren Hauptebene aber noch die vier Hauptrichtungen deutlich zu erkennen waren.

Das war die Wurzel der gesellschaftlichen Vertikalisierung, die schließlich in die Moderne mündete. Der Übergang wird übrigens sehr bildhaft in der Gestalt des Bamberger Reiters dargestellt. Der Reiter steht für ein Prinzip: er und sein Pferd betonen in ihrer Gesamtgestalt und in ihrem Ausdruck die Vertikale, die sich auch bedeutungsmäßig in dem Bild über ihnen fortsetzt, in dem die Türme einer Stadt sichtbar sind. Es ist deshalb bemerkenswert, daß der Reiter auf einer Konsole steht, in der das Bild des sog. Grünen Mannes dargestellt ist, der als Archetypus die unterworfene horizontale Welt vertritt. Dessen wilder Gesichtsausdruck scheint aber zugleich eine Warnung vor den damit verbundenen Folgen auszudrücken, die sich aus der Verhärtung der Vertikalachse ergeben. Bezeichnenderweise ist es nicht gelungen, den Reiter als Darstellung einer bestimmten historischen Gestalt zu deuten. Er ist der Prototyp des aufkommenden modernen Menschen und kündigt insofern bereits die Renaissance an. Im Gegensatz zum ‚horizontalen’ Menschen ist dieser moderne Mensch ‚vertikal’ ausgerichtet und damit im eigentlichen Sinn ein „Bür­ger“; und das bedeutet: ein Stadtmensch, ein Angehöriger bzw. Glied der schon im Anfangsstadium auswechselbaren und somit latent globalisierten Großstadtzivilisation, die nichts anderes ist als eine vielfach vernetzte einzige Megalopolis. Als solcher hat er die institutionalisierten Glaubensinhalte dieser Zivilisation gewissermaßen mit der Muttermilch aufgenommen, ohne sich dessen in jeder Hinsicht bewußt zu sein. Die im wesentlichen utilitaristische Grundphilosophie dieser bürgerlichen Zivilisation wurde zu Beginn des „bürgerlichen Zeitalters“ in der sog. „Aufklärung“ formuliert und seitdem durch die mit ihr rückgekoppelte Alltagspraxis fortgeschrieben. Sie bedarf deshalb keiner weiteren theoretischen Begründung, obwohl das besonders seitens der Naturwissenschaft durchaus permanent geschieht, denn die Institutionalisierung ist die effektivste Methode zur Ausformung eines Paradigmas. Schon unsere Sprache ist insofern sehr verfänglich. Begriffe wie „Religion“ und „Kunst“ etwa suggerieren, daß deren Bedeutung eindeutig und zivilisationsunabhängig ist, während das keineswegs so ist, und gerade deshalb ist der Umgang mit diesen Begriffen so verhängnisvoll. Unsere zunächst sehr theoretisch anmutenden Begriffe der archetypischen Struktur sind dagegen tatsächlich zivilisationsunabhängig und deshalb viel besser geeignet, uns ein Bild der wirklichen Verhältnisse zu vermitteln. Darin liegt die Bedeutung ihrer Darstellung.

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