Admin-Essays

 

Die Inkarnation der Seele

 

 

Der Tag geht über mein Gesicht
die Nacht sie tastet leis vorbei
und Tag und Nacht ein Gleichgewicht
und Nacht und Tag ein Einerlei

und ewig kreist die Schattenschrift
leblang stehst du im dunklen Spiel
bis dich des Spieles Deutung trifft
die Zeit ist um - du bist am Ziel  (Rudolf G. Binding)

 

Ichwerdung

 

(Es wäre empfehlenswert, zunächst unseren Essay 'Der Aufbau der Wirklichkeit beim Kinde' zu lesen.)

Die gängige Auffassung, zu der wir heute neigen, ist die, daß das Ich lediglich die sich automatisch in dem biologischen Körpergehirn einstellende Subjektperspektive sei. Man stellt sich demgemäß unter Beiseiteschiebung religiöser Fragen also vor, daß der Mensch letztlich nicht mehr als ein komplizierter biologischer Roboter sei, der gemäß seiner genetischen Kodierung entstanden und so in ein vorgegebenes objektiv und unabhängig von ihm vorhandenes Raum-Zeit-Kontinuum geraten ist, das er - bzw. sein Gehirn - jetzt nur noch wie eine Art Fotokamera registriert. Indem er auf diese Weise im Wesentlichen ab dem Augenblick seiner Geburt immer mehr Informationen über die Außenwelt, in die er so geraten ist, aufnimmt, ist er schließlich auch in der Lage, ‚Ich’ zu sich zu sagen. In diesem Stadium hat er also eine subjektive Identität entwickelt oder erhalten, die sich deutlich von den Identitäten der anderen Individuen unterscheidet, denen er begegnet. Wir werden nun im Folgenden einerseits die Unmöglichkeit der Auffassung darlegen, daß das Ich lediglich die sich automatisch einstellende Innenperspektive eines biologischen Roboters sei, sowie andererseits auch die Unmöglichkeit der alternativen Auffassung, es sei die Summe der ersten Erfahrungen und Informationen, die ab einem bestimmten Komplexitätsstadium eine immer deutlichere rückgekoppelte Selbstidentität entwickelt und dann schließlich ‚Ich’ zu sich sagt. Diese Auffassung wird etwa von einigen modernen Computertechnikern vertreten, die an der Entwicklung einer künstlichen Intelligenz arbeiten und meinen, daß sie eines Tages einen Computer entwickeln könnten, der über eine derartige Selbstidentität verfügt. Einer der bekanntesten Vertreter dieser Theorie ist der Informatiker Marvin Minsky, der sie etwa in seinem Buch ‚Mentopolis’ deutlich formuliert hat.

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