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Eine andere Wirklichkeit

 

Die wohl bekannteste und selbst in Europa in Mode gekommene Psychodroge nach Peyote ist Ayahuasca, die ursprünglich nur von den Indianern Südamerikas als ein Gebräu aus verschiedenen Dschungelpflanzen hergestellt wurde - hauptsächlich aus der Dschungelliane Banisteri­opsis caapi und den Blättern der Psychotria viridis (Chacruna-Strauch), denen aber noch andere Extrakte zugesetzt werden, um die Rauschwirkung zu variieren. Die verwendeten Pflanzen und Wurzeln werden bis zu drei Tage zu einem Sud ausgekocht. Der Name Ayahuasca bedeutet in der Indianersprache Quechua etwa ‚Liane der Totengeister’. Das Gebräu wird vor allem von Schamanen für religiöse Zeremonien und die Heilung von Kranken verwendet. Dabei soll sie ähnlich wie Mescalin die Fähigkeit geben, in die Zukunft oder an andere Orte zu sehen, sich also innerhalb des raumzeitlichen Kontinuums frei zu bewegen. Daraus resultiert wiederum die Fähigkeit zur Wahrsagerei und Hexerei. Ayahuasca wird von den Eingeborenen als eigene Persönlichkeit gesehen; ein anderer Name für die Droge ist Yaje, der aber eher als persönlicher Eigennamen zu seiner Ansprache dient. So heißt es, Yaje sei sehr eifersüchtig oder er habe diese oder jene Einstellung zu bestimmten Menschen. Auf jeden Fall verlangt er von ihnen bestimmte Verhaltensregeln, die sie vor der Einnahme der Droge peinlich genau beachten sollten. So sollen sie eine spezielle Diät einhalten und sich zuvor mehrere Tage lang sexueller Aktivität enthalten.

Emanation

Hinsichtlich der aus der jeweiligen Mixtur folgenden Wirkungen gibt es unterschiedliche Stärkegrade. Die stärkste bewirkt Halluzinationen und vermittelt am besten die Fähigkeit, in die Zukunft zu sehen, soll aber bei falscher Anwendung mit Lebensgefahr verbunden sein. Auch die zweitstärkste sollte man nur unter der Anleitung eines Meisters zu sich nehmen, denn sie bewirkt Visionen mit grünen Schlangen, die gleichfalls tödlich sein können. Ungeübte sollten also nur schwächere Mixturen zu sich nehmen. Die Wirkung ist danach auch individuell sehr unterschiedlich. Viele Europäer verspüren bei Gebrauch ihnen noch zukömmlicher Mixturen zumindest zunächst oft kaum mehr als eine leichte Rauschwirkung und das, was sie als eine Art Bewußtseinserweiterung empfinden. Erst nach wiederholtem Einnehmen nach bestimmten Ritualen steigert sich die Wirkung. Westlichen Wissenschaftlern bleibt es rätselhaft, wie die Indianer herausfinden konnten, daß ausgerechnet zwei Elemente, die für sich keine entsprechenden Wirkungen hatten, in ihrem Zusammenspiel diese Drogenwirkung haben. Ausnahmslos Blätter von Psychotria viridis und Diplopterys cabrerana, die normalerweise ziemlich wirkungslos sind, ergeben, wenn sie zusammen mit einigen Stücken der Dschungelliane Banisteriopsis caapi in einen Topf gegeben und lange genug gekocht werden, die entscheidende Droge Ayahuasca. Die Eingeborenen haben dafür eine einfache Erklärung: Das Rezept wurde ihnen von der Gottheit ‚Sonnenvater’ übermittelt, und zwar um ihnen damit ein Mittel an die Hand zu geben, mit der spirituellen Welt zu kommunizieren! In der Tat wird es jedenfalls entsprechend von ihnen verwendet und gehört in den Zusammenhang magischer Rituale, bei denen sehr genau darauf geachtet wird, daß diese von den Geistern wohlwollend begleitet werden. Im Urwald gibt es allerdings manche wundersamen Rezepte. So soll ausgerechnet eine bestimmte Pflanze als einziges Gegengift gegen den Biß einer besonderen Schlange wirksam sein, die ihr äußerlich täuschend ähnelt.[1]

Inzwischen ist Ayahuasca wie gesagt auch in den westlichen Industrieländern zu einer Modedroge geworden. Es gibt sogar eine regelrechte Religion und Kirche, die vornehmlich mit der Droge arbeitet. Es ist die sog. Santo Daime, eine Bewegung, die bereits in den 1920er Jahren aufkam und die inzwischen auch Messen veranstaltet, bei denen die Einnahme des ‚Daime’, wie Ayahuasca dort heißt, das tragende Element ist. Besonders aber in Brasilien gibt es zahlreiche weitere religiöse Gemeinden, die einen ähnlichen Kult praktizieren. Die Autorin Ruth Fischer-Fackelmann berichtete von einer entsprechenden Veranstaltung, an der sie teilgenommen hatte. Nachdem sie mehrfach Daime in für sie speziell abgestimmten Mengen zu sich genommen hatte, hatte sie plötzlich eine Vision:

Dann erhebt sich vor mir ein fremder Planet, aus dessen Mitte ein riesiger orangefarbener Kopf mit gelben Augen herausragt. Er kann die Augen herausnehmen. Er schaut nach Westen. Ich befinde mich im Süden und schaue gen Norden…. Auch ich habe eine Aufgabe… Mit unglaublicher Geschwindigkeit werden mir Geschehnisse der Erde gezeigt…. Ich sehe Veränderungen der Erde selbst. Zum Schluß bekommt die Erde eine Schlangenhaut. Während der ganzen Zeit bewegen sich meine Hände und meine Lippen, als wollten Worte aus mir heraus, die ich nicht kenne... Mehrere Wesen sind um mich. Ich frage sie, wer sie sind. Sie sagen, sie sind meine Lehrer. Ich frage: „Wie heißt ihr?“Das frage ich zweimal, ohne eine Antwort zu bekommen, dann höre ich ganz laut von rechts meinen Namen rufen und weiß, ich soll diese Frage jetzt nicht stellen.

Sie schildert die Kirche, in der diese Zeremonie stattfand, als einen sechseckigen Holzbau mit einem sternförmigen Tisch im Zentrum. Um den Tisch standen Bänke, auf denen Sänger und Musiker saßen. Auf dem Sterntisch befanden sich Blumen, kleine Kristalle und Heiligenbilder. Bei einer zweiten Zeremonie wurde es ihr bereits als zuträglich angesehen, ihr ein ganzes Glas voll Daime zu geben. Während sie auf die Wirkung wartete, begannen mehrere Sängerinnen mit starker Stimme zu singen, um - wie sie empfand - eine bestimmte Energie aufrecht zu erhalten. Als sie dann eine weitere Vision erlebte, sah sie darin plötzlich einen ganzen Schwarm von Kolibris in den wunderbarsten Farben. Diese fragten sie, ob sie mit ihnen fliegen wollte. Ein uraltes Gesicht, von dem sie sofort wußte, daß es ihr eigenes zukünftiges war, brach aus der Erde hervor, um sie daran zu erinnern, ein altes Versprechen einzulösen, das sie vor langer Zeit gegeben hatte. Dabei kamen aus ihrem eigenen Mund bestimmte Laute in einer fremden Sprache, die sie nie zuvor gehört, geschweige denn gesprochen hatte. Mit diesen Worten schickte sie dunkle Wesen fort und wußte zugleich, daß sie das sehr bestimmt tun mußte, ohne Furcht. Nachdem sie wieder aufgewacht war, erlebte sie, wie eine andere Teilnehmerin dieser Zeremonie völlig aufgelöst war, weil sie erkannte, daß alle ihre früheren Vorstellungen falsch gewesen waren und daß sie ihre Illusionen verloren hatte. Sie fühlte zwar, wer sie war, konnte es aber nicht in Worte fassen und wohl auch noch nicht einmal denken. Sie sank in sich zusammen. Die Autorin bezeichnet die Ayahuasca-Liane, aus der ihr Trank gekocht wurde, als Jagube; aus dieser wird hier Jacrona, die ‚Königin des Waldes’ hergestellt. Bei einer weiteren Vision spürte sie, daß sie eine Botschaft empfangen sollte. Sie sah eine unglaublich schöne Landschaft vor sich, und viele Indianer waren zu ihr gekommen, um sie zu begrüßen. Sie umstanden sie, und alles um sie herum war blau. Vor ihr lag ein blauer See, in dem sie ein Bad nehmen sollte.

Zweifellos entstammen diese Dinge aber einem völlig anderen Kulturkreis, und es ist fraglich, ob Menschen, die der westlichen Industriegesellschaft entstammen, dazu jemals die richtige Grundeinstellung haben oder gewinnen können. Schon die permanente Reizüberflutung, der der westliche Mensch ausgesetzt ist, entfernt ihn ansich von sich selbst. Nach der Auffassung der Schamanen dagegen kann wahre Weisheit nur in Einsamkeit, Enthaltung und durch Leiden erworben werden. Darin unterscheiden sie sich eben von dem in unserem Alltag herrschenden Denkrahmen, in dem jede Form von Wissensmaximierung bereits als Schlüssel zu höherer Erkenntnis sowie eine maximale Wunschbefriedigung gleich welcher Art als Naturrecht gesehen wird. Nicht aber von unseren Heiligen, Dichtern und Philosophen:

Alle wahre Weisheit kann nur fern menschlicher Wohnstatt erkannt werden, draußen in der großen Öde. Und sie wird nur durch Leiden erworben. Not und Leiden sind die einzigen Dinge, die den Geist des Menschen dem öffnen können, was den anderen verborgen ist.. Vierundsechzig Jahre betrug meine Lehrzeit. In diesen Jahren bin ich viele, viele Male allein in die Berge gegangen. Ja, viel Leiden mußte ich erdulden in meinem Leben. Um jedoch sehen zu lernen, hören zu lernen, müßt ihr dies tun: allein in die Wildnis gehen. Denn nicht ich kann euch die Wege der Götter lehren. Diese Dinge lernt man nur in der Einsamkeit.. [2]

Nichts ist bekanntlich dagegen so alt wie die Zeitung von gestern, und nicht um Maximierung, sondern um Minimierung auf das Wesentliche geht es deshalb - um die Entwicklung des inneren Kompasses, der uns in kritischen Situationen hilft, die richtige Entscheidung zu treffen. Wir sollten uns etwa immer die Frage stellen, um danach zur richtigen Menschenkenntnis zu kommen: Nach welchem Kriterium würde ich einen Menschen auswählen, mit dem ich ein Jahr lang in einem kleinen Segelboot die Welt umfahren müßte? Aber ist ein Mensch nicht überfordert, wenn er stets ein organisches Gleichgewicht wahren soll, und kann er sicher sein, daß ihm diese Fähigkeit und eine permanent hinzugegebene Hilfe nicht von seinen Hilfsgeistern gegeben wird, die über die Entwicklung seiner Seele wachen, wenigstens dann, wenn sie sie ihrer als wert erachten, weil er selbst schon über sieben Brücken gegangen ist? Weil sie einem zuvor die Gnade einer entsprechenden Prüfung gewährten, die man erst später als Gnade erkannte? „Die Trommel ist unser Pferd“, sagen die Jakuten. Denn der Rhythmus der Trommel begleitet den Schamanen in die Unterwelt und verleiht ihm dabei Schutz, indem er ihn innerlich festigt. Warum sollten wir annehmen, daß dieser Schutz in der Oberwelt weniger wichtig wäre und wir dazu keines höheren Begleiters bedürften? Die Trommel trägt den Schamanen durch die Wurzeln des Weltenbaumes und den Baumstamm hinauf bis zur Spitze des Baumes, dorthin, wo der in den Himmel übergeht und ihn zugleich überspannt. Dabei st die Weltachse zugleich auch die innere Achse, die so viele Menschen in einer Welt, die sie außerhalb ihrer selbst sehen, verloren haben. Denn diese Achse hält auch den Stamm der Gesellschaft im Gleichgewicht, und sie zu verlieren, wäre für eine Naturgemeinschaft, für die der Schamane sorgt, tödlich.

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