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Das elektromagnetische Feld

 

Der französische Mathematiker und Physiker Andre Ampere, den man später auch als den ‚Newton des Elektromagnetismus’ bezeichnete, hörte 1820 von der Entdeckung seines dänischen Kollegen Hans Chistian Oersted, daß eine Kompaßnadel in der Nähe eines stromdurchflossenen Leiters abgelenkt wurde. Das gab ihm Anlaß, eine erste Theorie zu entwickeln, in der die beiden zwar teilweise bereits im Altertum bekannten, aber bis dahin getrennt voneinander gesehenen Phänomene Elektrizität und Magnetismus vereinigt waren. Der Name Elektromagnetismus stammt von ihm. Er entwickelte auch eine stromdurchflossene Spule, die sich wie ein künstlicher Magnet verhielt. Den natürlichen Magnetismus erklärte er durch elektrische Ströme in den Molekülen. Sein Name ist eng verbunden mit dem des schottischen physikalischen Autodidakten Michael Faraday, der auf diesen Vorarbeiten aufbauend sich besonders mit den elektromagnetischen Feldern beschäftigte und den Begriff ‚Feldlinie’ einführte.

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Faradays Erkenntnisse waren dann die Grundlage für James Clerk Maxwell, der eine umfassende Feldtheorie des Elektromagnetismus ausarbeitete und 1864 als die seither bekannten ‚Maxwellschen Gleichungen’ veröffentlichte. Aber erst 20 Jahre später, also 1884, gelang Heinrich Rudolf Hertz deren experimenteller Nachweis. Das hatte jedoch den Praktiker Werner von Siemens nicht davon abgehalten, bereits 1866 den ersten elektrischen Generator zu entwickeln. Die Entdeckung des Elektromagnetismus gehört seitdem zu einer der wichtigsten unserer westlichen Zivilisation, da sie auch entscheidenden Einfluß auf den Fortgang der Industrialisierung hatte.

Es scheint aber, daß es außerhalb des Kreises der ‚Naturphilosophen’, von denen entscheidende Impulse für die wissenschaftliche Forschung ausgingen, keine echte philosophische Diskussion über den Elektromagnetismus gegeben hat wie etwa zu Newtons Zeiten noch über die Natur der Gravitation. Denn der Elektromagnetismus wurde eben erst relativ spät mitten im 19. Jahrhundert entdeckt, als es für eine philosophische Erörterung bereits zu spät war, weil sich zu dieser Zeit das materialistische Denksystem der Aufklärung bereits etabliert hatte. So war die Theorie des Elektromagnetismus sogleich auf Quantifizierung und praktische Anwendung des Phänomens angelegt. Die Geschichte der Entdeckung des Elektromagnetismus ist ein besonders bezeichnendes Beispiel dafür, wie sich die wissenschaftliche und philosophische Entwicklung im 19. Jahrhundert gestaltete. Statt wie frühere Naturforscher den Phänomenen noch mit Ehrfurcht und Erstaunen gegenüberzutreten, stellte sich die neue bürgerliche Gesellschaft in ihrem blinden Fortschrittswahn nur noch vor den Spiegel und erklärte sich alles nach dem Muster: „So hoch entwickelt ist der menschliche Geist, daß er dieses nun auch noch entdeckt hat.“ Insofern war der Darwinismus schon lange vor Darwin vorbereitet, und dieser legte seine Theorie nur noch nach. Wenn wir uns entsprechend ein auch heute noch aktuelles Buch über Elektromagnetismus vor Augen führen, so sehen wir darin alle möglichen Gleichungen und Formeln, aber noch nicht einmal einen kurzen einleitenden Erklärungsversuch zum eigentlichen Phänomen selbst. Dieses elementare Problem ist nach der Entdeckungsgeschichte und der mathematischen Formulierung derartig vollständig in den Hintergrund getreten, daß man es seither offenbar gar nicht mehr als Problem sieht. Denn etwas, so wird dabei wohl unterstellt, was man so komplex beschreiben und praktisch dienstbar machen kann, kennt man schließlich.

Die „Deutschen Idealisten“ sahen das allerdings kritisch. Der junge Schelling etwa schrieb bereits um 1800, um demgegenüber die Vorzüge einer philosophischen Betrachtung hervorzuheben: „Mit der Naturphilosophie beginnt, nach der blinden und ideenlosen Art der Naturbetrachtung, die seit dem Verderb der Philosophie durch Bacon, der Physik durch Boyle und Newton allgemein sich festgesetzt hat, eine höhere Erkenntnis der Natur; es bildet sich ein neues Organ der Anschauung und des Begreifens der Natur.“ Darin war er sich nicht nur mit seinem ehemaligen studentischen Zimmergenossen Hegel, sondern später auch mit Goethe und Schopenhauer einig. Denn die bloße Beschreibung der Einzelvorgänge und deren systematische Zuordnung genügte ihnen nicht; sie versuchten das Wesen der Dinge zu verstehen. Sie verstanden die Natur eben als Organismus, in dem gegensätzliche Kräfte so wirkten, wie es bereits die Philosophen des Altertums gesehen hatten, und deshalb war ihnen auch das Phänomen des Elektromagnetismus prinzipiell nichts Neues, soweit sie seine Entdeckung noch erlebten. Bezeichnenderweise hatte Oersted bei Schelling studiert und war stark durch die Romantik und die Philosophie des Dynamismus beeinflußt, sodaß - was aber später prompt vergessen wurde - erst die Philosophie auf das eigentliche Phänomen aufmerksam gemacht hatte.

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