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Der Denkhandler

 

Der Mensch findet sich nicht vor als jemand, der dann bereits ein Entwurf seiner selbst ist, wie es Sartre meinte („Der Mensch wird zuerst das sein, was zu sein er geplant haben wird...“ - siehe dazu unsere 'Auseinandersetzung mit Sartres Freiheitsbegriff' im Essay 'Die Inkarnazion des Ich'), sondern er erlebt sich als Erwachender, der bereits am Frühstückstisch seinen Tagesplan vorfindet, von dem er nicht weiß, wie weit er ihn zuvor selbst gestaltet hat oder in wie weit er ihm aufgezwungen wurde: Dieses Gleiten in innere oder äußere Schablonen ist dabei ein ewiger Prozeß, den er als Erwachsener ebenso erlebt wie bereits als Kind und vielleicht schon im Mutterleib oder lange davor, während er aber dennoch das vielleicht berechtigte Gefühl hat, daran selbst fortwährend gestaltend teilnehmen zu können - ja es sogar zu sollen. Der Mensch als Selbstgestalter operiert dabei sicherlich auf einer höheren logischen Ebene als ein Tier. Er ist dazu auch besonders befähigt, nicht nur durch seine höheren geistigen, sondern auch durch seine manuellen Möglichkeiten. Welchen Sinn ergibt etwa die Aussage, Delphine besäßen eine ähnlich hohe Intelligenz wie Menschen? Schließlich haben sie keine Hände, um ihre Ideen in die Tat umzusetzen, und das macht nicht nur jede Zivilisations- und Kulturbildung unmöglich, sondern auch jede Entfaltung einer höheren Intelligenz, die sich nur aus der kollektiven Kommunikation und kollektiven Erfahrung ergeben kann, die ihrerseits eine Folge ausgeführter komplexer Handlungsversuche ist. Der Mensch ist im Besitz einer manuellen Intelligenz, er ist generell ein Homo faber, also ein Handwerkender, selbst wenn er als Individuum ausnahmsweise praktisch recht ungeschickt sein sollte, denn er ist ja ein Teil des Kollektivs, dessen Gesamterfahrung auf den manuellen Versuchen zumindest einiger anderer Individuen beruht, von denen die gesamte Zivilisation und Kultur zehrt.

Der Denkhandler

Der Mensch ist demnach ein Wesen, das sich selbst in einem Wechselwirkungsprozeß von Planung und Ausführung entwirft und gestaltet. Die ersten Ideen eines jungen Menschen sind in der Regel noch naiv und bar jeder praktischen Erfahrung, also unrealistisch. Und sie werden es wohl auch bleiben, wenn er sich niemals bemüht, sie in die Tat umzusetzen, also zumindest im übertragenen Sinn seine Hände zu gebrauchen. Hat er so seine Ideen ausgeführt, lernt er, ob sie realistisch sind oder nicht. Das werden sie zunächst nicht sein, doch er wird aus den dadurch gewonnenen Erfahrungen seine nächsten Ideen etwas realistischer gestalten und so fort, bis wir ihn eines Tages als Ergebnis dieser Rückkoppelungsakte als einen realistischen Menschen bezeichnen können. Dieser Vorstellung zufolge sind wir im allgemeinen geneigt, im Prinzip manuell veranlagte und praktizierende Menschen für die realistischsten zu halten, aber das geht auch oft an der Praxis vorbei, denn sinnvollerweise sollte man nicht nur manuelle Menschen so bezeichnen, sondern vor allem solche, die ab und zu dabei auch ihren Kopf einsetzen. Dabei ist auch äußerer Druck oder äußere Notwendigkeit ein wichtiges Mitgestaltungsprinzip. Wir sind allzu leicht geneigt, die Realität mit bloßem Aktionismus gleichzusetzen; wenn man dieser Logik jedoch folgt, so müßte man ansich folgern, daß etwa Feuerwehrleute am realistischsten und Mönche unrealistisch sind. Ist aber ein hiesiger Feuerwehrmann realistischer als etwa ein einsamer Eskimo irgendwo am Polarkreis in seinem Iglu? Der hat es ja wohl auch mit der Realität zu tun, unter Umständen einer noch viel härteren. Und diese bleibt auch dem Mönch nicht erspart, dessen innerer Selbstgestaltungsakt durchaus vergleichbar mit dem eines Bergsteigers sein kann. Damit ist zugleich die moralisch-ethische Komponente dieses Aktes angesprochen.

Das bedeutet auch, daß sich der Mensch mit dem, was er ist, sein oder werden soll, in den Gesamtchor des Universums einordnen muß. Es wird ihm so oder so deutlich, daß er einen Entwicklungsauftrag hat, und wenn ihm das nicht von selbst deutlich wird und er nicht danach handelt, so wird es ihm so oder so deutlich gemacht - entweder von der Gesellschaft oder vom Schicksal. Der Mensch kommt wie gesagt als ein Hohlkörper zur Welt, der sich mit ganz bestimmten Inhalten füllen will bzw. gefüllt werden muß, weil es anderenfalls zu Neurosen kommt. Er ist nicht frei, die Art, Gestalt und Größe dieses Hohlkörpers zu wählen, sie ist ihm mitgegeben wie die Gestalt seines Körpers, und es sieht so aus, als hätten alle Menschen jeweils andere Hohlkörper. Dabei ist der Mensch auch gefordert, sich selbst mitzugestalten. Er erarbeitet sich selbst seine Möglichkeiten wie ein Podest, von dem aus er dann seine weiteren Operationen vornimmt. Er geht dabei vor wie ein Bildhauer, der seine eigene Gestalt entwirft, die ihrerseits dann in eine neue Schablone mit neuen Möglichkeiten schlüpft und sich wiederum als Bildhauer betätigt, der sich weiterhin gestaltet und so fort. Der Mensch erhält seine Freiheit nicht geschenkt, sondern muß sie sich erschaffen, indem er sie und sich selbst erwählt. Wir sind nicht nur das Produkt unserer Anlagen und der Umwelt, sondern zugleich das Ergebnis dieses Selbstgestaltungsprozesses, der als Autogenese bzw. mit einem Fachbegriff auch als ‚Autopoiesis’ bezeichnet wird. Oft genug erkennen wir nämlich, daß unseren Handlungen ganz andere Absichten zugrunde liegen als die, denen wir bewußt zu folgen schienen. Das wird besonders dann deutlich, wenn wir erkennen, daß wir das scheinbare Ziel nicht erreichen können und unserer dennoch fortbestehenden Handlung in einem fast krisenlosen und nahtlosen Übergang ein anders setzen. So erweisen sich oft unsere bewußten Ziele nur als ‚Arbeitsthemen’, die später im Rückblick einen ganz anderen Namen erhalten. Und erst nachträglich erkennen wir den wahren Prozeß, den wir dann als unseren Lebensweg bezeichnen müssen und der oft einen ganz abgründigen Sinn zu haben scheint, den unsere bewußte Planung gar nicht im Auge hatte und zunächst auch nicht haben konnte. Das tiefere Prinzip unserer Handlungen muß uns also keineswegs offen bewußt sein.

Erst der Kreuzweg macht den Menschen zum Selbstbestimmer, weshalb die damit verbundenen Entscheidungen für ihn von elementarer Wichtigkeit sind. Aber reicht sein Selbstbestimmungspotential wirklich aus, um sich ganz ohne äußere Hilfe behaupten zu können? Seine Biographie ist dafür entscheidend und scheint jedenfalls nicht immer zufällig zu sein. Am Freiheitsproblem entscheidet sich auch die Frage nach der Möglichkeit künstlicher Intelligenz, die unabhängig von jeder Biographie ist. Wir sollten auch bedenken, daß es ein gewaltiger Schritt in der Simulation künstlicher Intelligenz wäre, wenn es gelänge, Computer herzustellen, die zu eigenen Gefühlen wie etwa der Schmerzempfindung fähig wären. Wir brauchen aber diese technische Entwicklung nicht abzuwarten, denn unser inneres Gefühl (!) sagt uns mit großer Sicherheit, daß das nie gelingen wird und daß demnach Gefühle ein entscheidendes Kriterium einer wirklich organischen Intelligenz und eines echten Bewußtseins sind: übrigens ein gutes Beispiel für die unterstützende Hilfe unserer Gefühle für unsere Erkenntnisakte und zugleich ein weiteres Argument für die Annahme einer inkarnierten Seele, über die ein Computer natürlich nicht verfügt, weshalb es eine deutliche Unterscheidung zwischen natürlicher und künstlicher Intelligenz gibt. Selbst eine Maus ist insofern unendlich viel mehr als der komplizierteste Computer, der lediglich ein unter Umständen allerdings sehr nützliches Hilfs­werkzeug ist, dessen Programme aber nur im Geist des Benutzers aufleuchten und repräsentiert sein können.

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